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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Der Wert der Natur

Der Wert der Natur © Ingetje Tadros/Getty Images

Der Wert der Natur

> Will der Mensch die natürlichen Ressourcen schonend und nachhaltig verwenden, muss er abwägen, auf welche Weise und in welchem Maße er die Natur nutzen oder schützen möchte. Das ist nur dann möglich, wenn er Kosten und Nutzen adäquat einschätzen kann. Dabei kann es hilfreich sein, die Natur im ökonomischen Sinne als Naturkapital zu betrachten. Allerdings ist es durchaus problematisch, den Leistungen der Natur einen Wert zu geben.

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Unsere Natur – ein gigantischer Dienstleister

Die Natur liefert seit jeher den Menschen lebenswichtige Dinge wie etwa Früchte, Getreide, Fisch, Fleisch oder Holz. Auch saubere Luft und sauberes Wasser stellt sie kostenlos zur Verfügung. Ökonomen fassen all diese Aspekte unter dem Begriff des Naturkapitals zusammen. Naturkapital wird vereinfachend als Bestand natürlicher Güter wie zum Beispiel des Erdbodens, des Waldes oder des Meeres definiert, die Naturprodukte und Dienstleis­tungen wie etwa frische Luft oder Trinkwasser hervor­bringen.
1.10 > Einer der ersten Hoch­öfen im englischen Coalbrookdale im Jahr 1801. Während der industriellen Revolution ereignete sich in der Ökonomie ein Paradigmenwechsel. Für viele Experten verloren der Faktor Boden und die Leistungen der Natur an Bedeutung. Als entscheidend für das Wirtschaftswachstum wurde allein der Einsatz von Sachkapital angesehen.
Abb. 1.10: Einer der ersten Hoch­öfen im englischen Coalbrookdale im Jahr 1801. Während der industriellen Revolution ereignete sich in der Ökonomie ein Paradigmenwechsel. Für viele Experten verloren der Faktor Boden und die Leistungen der Natur an Bedeutung. Als entscheidend für das Wirtschaftswachstum wurde allein der Einsatz von Sachkapital angesehen. © http://de.wikipedia.org/wiki/Coalbrookdale (Stand: Oktober 2015)
Gemessen an der mehrere Jahrhunderte alten Geschichte der Ökonomie ist der Begriff des Naturkapitals noch recht jung. Er wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. Bis dahin wurden die Natur und ihre Leistungen von Ökonomen als Selbstverständlichkeit betrachtet. Die einzige Ausnahme war der fruchtbare Ackerboden. Vor der Erfindung des Kunstdüngers war die Fruchtbarkeit der Böden beziehungsweise ihr Ertrag begrenzt. Die Produktivität der Äcker ließ sich nicht beliebig steigern, weil die Menge an Nährstoffen begrenzt war. Um dennoch aus­reich­end Nahrung für die Bevölkerung produzieren zu können, mussten große Ackerflächen bestellt werden. Entsprechend viele Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. Nachdem der deutsche Chemiker Justus Liebig Mitte des 19. Jahr­hun­derts den Kunstdünger erfunden hatte, änderte sich die Situation. Die Produktivität der Äcker erhöhte sich um ein Vielfaches. Weniger Bauern konnten mehr ernten. Damit wurden Arbeits­kräfte frei, die man in den Fabriken der wachsenden Industriestädte benötigte. Die Bedeutung des Bodens für die Wirtschaftskraft sank. Stattdessen betrachteten viele Ökonomen allein das Sachkapital in Form von Maschinen und Infrastruktur als die bestimmende Größe des Wirtschaftswachstums.

Unendliche Ernte?

Nur wenige Denker betrachteten die Natur und deren Dienstleistungen differenzierter. Zu ihnen gehörte der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill, der in den 1870er Jahren betonte, dass die Natur auch um ihrer Lieblichkeit willen erhalten werden müsse. Mill wünschte sich einen Stopp des Bevölkerungswachstums. Er fürchtete, dass der Mensch weiter naturnahe, ästhetische Gebiete zerstören würde, wenn die Zahl der Menschen weiter stiege.
Abb. 1.11: Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill stellte bereits in den 1870er Jahren fest, dass die Natur weiter zerstört werden würde, wenn man das Bevölkerungswachstum nicht stoppte. © mauritius images/Alamy 1.11 > Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill stellte bereits in den 1870er Jahren fest, dass die Natur weiter zerstört werden würde, wenn man das Bevölkerungswachstum nicht stoppte.
Konkreter wurde zu dieser Zeit der französische Ökonom Léon Walras, der 1874 seine „Mathematische Theorie der Preisbestimmung der wirt­schaft­lichen Güter“ ver­öf­fent­lichte. Darin beschäftigt er sich unter anderem ausführlich mit den Dienst­leist­ungen der Natur. In seinem Werk entwickelt Walras den Begriff des Natur­kapitals. Auch Walras betrachtet die Natur zunächst als unerschöpflichen Quell, denn seiner Ansicht nach kann Naturkapital nicht gänzlich zerstört werden. Vielmehr liefere es Jahr für Jahr immer neue Produkte. Diese Frucht­bar­keit der Natur bezeichnet Walras als Dienst­leistung; die Erträge, die die Landwirtschaft erbringt, als Rente. Allerdings erkennt Walras, dass sich Naturkapital, wie andere Kapitalien auch, verknappen kann, wodurch dessen Wert steigt: „In entwickelten Gesellschaften kann es sehr knapp sein und sein Wert extrem hoch.“ Walras differenziert weiter und schreibt, dass sich Naturkapital auf die beiden Arten nutzen lasse: erstens als bestehender Kapitalstock, aus dem langfristig Einkommen generiert werde, beispiels­weise ein Apfel­baum, der über viele Jahre Früchte liefert; zweitens als Kapital, das direkt genutzt werde, beispielsweise, indem man den Baum fällt und das Holz verkauft. Walras’ Ansatz war ausgesprochen modern, denn er schlüsselte den Begriff des Naturkapitals weiter auf. Auch heute noch unterscheiden Experten dementsprechend zwischen Bestands- und Flussgrößen – also zwischen Naturkapital, das man direkt nutzt und verbraucht, und Naturkapital, das über längere Zeit einen kontinuierlichen Strom an Renten liefert. Trotz der Arbeiten von Walras spielte das Naturkapital rund 100 Jahre lang in der ökonomischen Theorie keine Rolle, weil Ökonomen davon überzeugt waren, dass es keine absolute Knappheit von Naturkapital geben könne.

Ist der Wert der Natur messbar?

Heute ist der Begriff des Naturkapitals etabliert. Allerdings ist umstritten, wie man den Wert der Natur überhaupt schätzen soll. Diese Frage ist wichtig, wenn man beurteilen will, wie groß die Verluste durch die fortschreitende Naturzerstörung sind oder ob sich Investitionen in Naturkapitalien lohnen. Zu solchen Investitionsprojekten gehören beispielsweise die Renaturierung zerstörter Naturflächen oder die naturnahe Bewirt­schaf­tung von Wäldern. Die Bewertung bzw. Monetarisierung des Naturkapitals ist eine große Herausforderung. Vor allem weil es nicht nur eine Form von Naturkapital gibt, sondern viele verschiedene – Wälder, Flüsse, Wiesen oder das Meer. Und alle liefern verschiedene Dienstleistungen.
1.12 > Weltkarte mit den verschiedenen Ökosystemtypen und den errechneten Werten ihrer Ökosys­temleistungen (in US-Dollar pro Hektar und Jahr).
Abb. 1.12: Weltkarte mit den verschiedenen  Ökosystemtypen und den errechneten Werten ihrer Ökosys­temleistungen (in US-Dollar pro Hektar und Jahr). © nach Costanza et al.
Ökosystemleistung Als Ökosystemleistung bezeichnen Ökonomen und Nachhaltigkeitstheoretiker Dienste, die die Natur erbringt. Beispiele sind die Bereitstellung von Trinkwasser, frischer Luft oder Nahrung in Form von Fisch und Früchten. Hinzu kommen nicht direkt messbare Aspekte wie die Schönheit einer Landschaft, die dem Menschen Erholung bietet. Als Naturkapital wiederum bezeichnet man die natürlichen Ressourcen, die all diese Ökosystemleis­tungen hervorbringen.
1997 veröffentlichte ein Team US-amerikanischer Naturwissenschaftler und Ökonomen eine Studie, in der sie versuchten, den Gesamtwert der Dienstleistungen aller Ökosysteme weltweit zu erfassen. Sie kamen zu dem Schluss, dass das globale Naturkapital mitsamt diesen verschiedenen Ökosystemleistungen jährlich 33 Billiarden US-Dollar erbringt – das ist fast doppelt so viel wie das weltweite Brutto­national­ein­kom­men in Höhe von 18 Billiarden US-Dollar. In dieser Studie hatten die Meere mit 21 Billiarden US-Dollar den größten Anteil. Für ihre Untersuchung hatten die Wissenschaftler den Globus in rund 20 Öko­system­typen aufgeteilt und 17 Öko­system­lei­stungen wie etwa Regulierung des Klimas, Wasservorrat oder Lebensmittelproduktion definiert. Anschließend bestimmten sie für jedes Ökosystem und jede Dienstleistung den Wert eines Hektars und rechneten dann auf die globale Fläche hoch. 2011 wurde erneut eine Untersuchung vorgestellt, in der sowohl eine Neubewertung der Daten aus 1997 als auch eine Aktualisierung der Ökosystemleistungen vorgenommen wurde. Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Studie war, dass aufgrund von Landnutzungsänderungen der Wert der Öko­system­lei­stungen von 1997 bis 2011 jährlich um mindestens durchschnittlich 4,3 Billiarden US-Dollar gesunken war. Landnutzungsänderungen sind zum Beispiel die Umwandlung von tropischen Regenwäldern und Feuchtgebieten in landwirtschaftliche Nutzfläche.
1.13 > Um den Gesamtwert der Dienstleistungen aller Ökosysteme weltweit abzuschätzen, definierten US-Forscher 1997 verschiedene Ökosystemleistungskategorien. Zwar wurde die Studie kritisiert, weil sie die weltweite Situation stark vereinfachte. Dennoch war sie ein Meilenstein, weil sie verdeutlichte, welche enorme ökonomische Bedeutung Ökosystemleistungen in der Summe haben.
* Ökosystemgüter sind in die Ökosystemleistungen miteinbezogen.<br /><br />
Abb. 1.13: Um den Gesamtwert der Dienstleistungen aller Ökosysteme weltweit abzuschätzen, definierten US-Forscher 1997 verschie­dene Ökosystemleistungskategorien. Zwar wurde die Studie kritisiert, weil sie die weltweite Situation stark vereinfachte. Dennoch war sie ein Meilenstein, weil sie verdeutlichte, welche enorme ökonomische Bedeutung Ökosystemleistungen in der Summe haben. © Costanza et al.

* Ökosystemgüter sind in die Ökosystemleistungen miteinbezogen.

An diesen Studien gab es massive Kritik. Experten bemängelten, dass die Hochrechnungen unzulässig seien, weil sie stark vereinfachen und die Vielfalt der Ökosys­teme nicht ausreichend berücksichtigen würden. Kritisiert wurde auch, dass zwar eine Zahl im Raum stehe, aber völlig unklar sei, welche politischen Kon­se­quen­zen daraus zu ziehen seien. So lieferten die Studien keine Hand­lungs­anweis­ungen, wie oder welches Naturkapital geschützt werden müsse. Obwohl die erste Studie 1997 im angesehenen Fachjournal „Nature“ erschien, wird sie heute weniger als profunde wissenschaftliche Arbeit, sondern vielmehr als politisch motivierte Veröffentlichung betrachtet. Als solche, sagen Experten, sei sie von Bedeutung gewesen, da sie erstmals gezeigt habe, welche Größenordnung der Wert von Naturkapital überhaupt haben kann. >
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