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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Meeresschutz ist möglich

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Britischer Pragmatismus

Da Deutschland mehrere Bundesländer hat, bedarf der übergreifende Meeresschutz eines relativ hohen adminis­trativen Aufwands. So bezieht sich der Raumordnungsplan, der auf der Ebene der Bundesbehörden erlassen wird, nur auf die AWZ. Für den Schutz des Küstenmeeres sind hingegen die Bundesländer Niedersachsen, Schles­wig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zuständig, die an der Nordsee bezieh­ungs­weise Ostsee liegen. Dadurch ergibt sich ein erhöhter Abstimmungsbedarf, denn Bundesbehörden müssen sich zunächst mit den Landesbehörden einig werden. Zum Beispiel musste verhandelt werden, an welchen Punkten die Stromleitungen der Windparks die Grenze zwischen AWZ und Küstenmeer kreuzen sollen. Pragmatischer ist die Meeresraumplanung zum Beispiel in Großbritannien, weil es dort keine föderale Struktur gibt und für die MSP nicht mehrere Behörden zuständig sind. So wurde mit dem Küstennutzungsgesetz (Marine and Coastal Access Act) 2009 die Marine Management Organisation (MMO) geschaffen, die seitdem für die MSP in England und Wales zuständig ist. Die MMO ist eine eigenständige öffentlich-rechtliche Körperschaft, die eng mit dem britischen Amt für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (Department for Environment, Food and Rural Affairs, Defra) zusammenarbeitet. Die MMO ist für verschiedene Meeresaspekte zuständig. Dazu gehört die Überwachung von Fischereimanagementplänen, die Steuerung von Notfall­einsätzen bei Tankerunfällen oder anderen Umweltkatastrophen sowie eben auch die Entwicklung der MSP. Die Vergabe von Lizenzen oder Pachtverträgen für die wirtschaftliche Nutzung von Meeresgebieten obliegt hingegen der Crown Estate, jener Behörde, die das britische Staatsgut verwaltet.
Die MMO hat die Küstengewässer Englands in 11 verschiedene Planungsgebiete unterteilt, für die derzeit Planungsprozesse durchgeführt werden. Für den Bereich der Ostküste beispielsweise wurden bis zum Frühjahr 2015 eine große Zahl von Interessengruppen angehört. Dazu zählten unter anderem:
  • Aquakulturbetreiber;
  • Vertreter des Militärs (Verteidigung) und der inneren Sicherheit;
  • Energieversorger und Infrastrukturbetriebe;
  • Vertreter der Fischerei;
  • Küstengemeinden und ausgewählte Vertreter der Gemeinden;
  • lokale Behörden;
  • Meeresschutzorganisationen;
  • Vertreter der marinen Sand- und Kiesindustrie;
  • Vertreter der Hafenbetreiber und Reedereien;
  • Telekommunikationsunternehmen und Netzbetreiber (Seekabel);
  • Fremdenverkehrsverbände;
  • Vertreter von Abwasserbetrieben und Entsorgungs­unternehmen.

Zusatzinfo MSP in Belize – mehr als ein schöner Plan?

Um die verschiedenen Interessengruppen einzubinden, hatte die MMO allein für die Ostküste bis zum Frühjahr 2015 folgende Möglichkeiten zu einem Dialog angeboten:
  • 5 Workshop-Reihen mit den Interessenvertretern, die von rund 300 Personen besucht wurden;
  • 400 direkte Treffen zwischen der MMO und Vertretern einzelner Interessengruppen sowie mit Vertretern des britischen Parlaments;
  • eine Vielzahl einzelner Treffen und Veranstaltungen, bei der Verbin­dungs­beamte der MMO in den See­häfen Lowestoft und Grimsby mit der örtlichen Bevölkerung und den lokalen Interessengruppen in Kontakt kamen;
  • 23 öffentliche Drop-in Sessions an der Ostküste, an denen mehr als 700 Personen teilgenommen haben;
  • Foren und Gruppentreffen zu spezifischen Themen mit Gemeindevertretern oder Vertretern des Städte- und Gemeindebunds und der örtlichen Natur­schutz­behörden;
  • internationale Workshops mit Experten aus Belgien, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und der EU-Kommission;
  • 2 Workshops mit Entscheidungsträgern.
Darüber hinaus wurden rund 2000 Kommentare und Vorschläge bearbeitet, die von rund 70 verschiedenen Organisationen eingereicht worden waren. Nach den Maßstäben, die die Intergovernmental Oceanographic Commission (IOC) der UNESCO an die Gestaltung von MSP-Prozessen legt, ist diese Arbeit der MMO beispielhaft. Noch ist die MSP in England nicht abgeschlossen. Inwieweit dieser Planungsprozess und die intensive Einbindung von Interessengruppen künftig zu einer erfolgreichen Meeresraumplanung führt, wird sich daher erst in einigen Jahren zeigen, wenn erste Maßnahmen nach der Planung durchgeführt werden.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wie das Beispiel der Meeresraumplanung von Belize zeigt (siehe Kasten auf der nächsten Seite), an der viele Experten verschiedener Nichtregierungs- und Umwelt­schutz­organisationen beteiligt waren, bedarf es oftmals der Hilfe von außen. Diese externe Unterstützung kann ganz unterschiedlicher Natur sein, doch werden die verschiedenen Ansätze seit einigen Jahren unter dem Schlagwort Capacity Building (Aufbau von Kompetenz/Kapazität) subsumiert. Wissenschaftliche Einrichtungen verstehen darunter eine Förderung wissenschaftlicher Expertise durch gemeinsame Projekte oder Austausch- und Ausbildungs­programme von Forschern oder tech­nischem Personal. Entwicklungshilfe-Einrichtungen hingegen verstehen darunter eher die Vergabe von Mikrokrediten, die es arbeitslosen Menschen in Entwicklungs­ländern ermög­lichen, ein Stück Land zu kaufen oder einen kleinen Handwerks­betrieb aufzubauen und eigenes Einkommen zu generieren. In wiederum anderen Fällen handelt es sich bei Capacity Building um Projekte, bei denen Entwicklungs­helfer und Einheimische direkt miteinander in Kontakt kommen. Angestrebt wird, dass solche Projekte mit so wenig Unterstützung von außen wie nötig von den Betroffenen beziehungsweise einheimischen Projektleitern eigenständig durchgeführt werden. Dazu ist keineswegs immer millionenschwere Entwicklungshilfe nötig. Oftmals bedarf es vor allem geschulter Moderatoren, die in der Lage sind, einer betroffenen Bevölkerungsgruppe Lösungen aufzuzeigen, die Menschen zu motivieren und weiterzubilden.
Heute gibt es viele Organisationen, die sich mit Projekten nachhaltiger Bewirt­schaftung von Küsten- und Meeres­lebens­räumen befassen. In den meisten dieser Gebiete haben Armut und Bevölkerungswachstum dazu geführt, dass die Menschen ihre natürlichen Ressourcen zerstören. Ein Beispiel ist die Insel Gau, die zu den Fidschi-Inseln im Südostpazifk gehört. Probleme bereitete auf Gau und den Nachbar­inseln die Landwirtschaft. Zum einen wurden zur Gewinnung land­wirtschaft­licher Nutzflächen Teile des Regenwaldes zerstört, aus dem sich die Bevölkerung früher versorgte. Zum anderen trampelten meist umherlaufende Kühe und Schweine Teile der wertvollen Ackerflächen nieder und verseuchten durch ihren Kot wichtige Wasser­reservoire. Der zunehmend westliche Lebensstil führte dazu, dass immer mehr Müll die Insel verschmutzte. Es fehlte in den Siedlungen an Kanälen für den Abfluss von Schmutz- und Regenwasser. Nicht zuletzt führte die Abholzung von Mangroven zu einem Rückgang des Fischfangs und zur Zerstörung der Küste. Mit Unterstützung der University of the South Pacific wurden gemeinsam mit der Bevölkerung für die verschiedenen Inseln im Distrikt Gau Lösungen erarbeitet. Dazu zählen:
  • Einrichtung von Fischverbotszonen, damit sich Fischbestände erholen können;
  • Bau von Steinwällen für den Hochwasserschutz, die die zerstörten Mangroven zum Teil ersetzen;
  • Aufforstung von Mangroven, die als natürlicher Hochwasserschutz und zugleich als Kinderstube der Fische dienen;
  • Anpflanzen einheimischer Bäume in den Dörfern als Schutz vor Regen und als künftiger Holzvorrat;
  • Kontrolle des Holzeinschlags in den Wäldern;
  • Kontrolle und Bekämpfung von Buschfeuern;
  • Verbesserung der Kochstellen, um den Holzverbrauch zu verringern;
  • Einführung von Rind- und Schweinehüterei;
  • Bau kleiner Abwassergräben;
  • Mülltrennung und Einführung von Kompostierung;
  • Anpflanzen von Schraubenbäumen sowie Verkauf von Strohmatten aus Schraubenbaumblättern, um zusätzliches Einkommen zu generieren;
  • Bau von Gärten in den Dörfern zur Kultivierung von Taropflanzen sowie Verkauf von Tarofrüchten (für Mehl und Viehfutter), um zusätzliches Einkommen zu generieren.
Wie die Projektleiter betonen, zeigt dieses Beispiel einmal mehr, wie wichtig es ist, Vertrauen zu schaffen, die Bevölkerung in die Projekte einzubinden und eng mit ihr zusammenzuarbeiten. Nur auf diese Weise lassen sich Bedürfnisse erkennen und ein Verständnis für eine nachhaltige Nutzung der Ressourcen vermitteln.

Weltweites Sprachrohr für handwerkliche Fischerei

Auf diese Nähe zu den Menschen setzt derzeit auch das weltweite Forsch­ungs­netzwerk „Too Big To Ignore“ (TBTI). Das Ziel von TBTI ist es, die wirtschaftliche Situation der vielen Millionen Menschen zu verbessern, die weltweit von der soge­nannten hand­werklichen Fischerei (Small-Scale Fisheries, SSF) leben, denn im Zuge der Diskussion um die Überfischung der Meere wurde lange Zeit vor allem die industrielle Fischerei betrachtet. Zu diesem Zweck strebt TBTI eine nachhaltige Entwicklung der Fischerei an, die auf lange Sicht dazu führen soll, den Fischern ein Einkommen zu sichern, mit dem sie den Lebensunterhalt bestreiten können. Zu dem Netzwerk gehören mehr als 60 Forscher aus derzeit 27 Entwicklungs-, Industrie- und Schwellen­ländern, die zunächst detaillierte Daten über die Lebens­beding­ungen der Fischer vor Ort sammeln. Die Forscher und ihre Koopera­tions­partner stellen die Daten auf eine offene Internetplattform, das „Information System on Small-scale Fisheries“ (ISSF). Auch Fachliteratur zu den verschiedenen Fischereiregionen aller Küstenländer wird dort eingespeist. Auf einer Website lassen sich die Informationen über eine Landkarte abrufen. Damit wollen sie dazu beitragen, dass der Berufsstand des handwerklichen Fischers an Bedeutung gewinnt. Denn noch werden die Fischer in vielen Nationen eher als Randgruppe betrachtet. Des Weiteren soll untersucht werden, wie sich die Lebens­beding­ungen der Fischer verbessern lassen – insbesondere in der west­afrika­nischen Re­gion, deren Küstengewässer durch Industrie­schiffe teils schon überfischt sind. Auch werden die ökonomischen Zusam­menhänge beleuchtet – zum Beispiel, wie die Fischer bezahlt werden, wie die Handelswege des Fisches funktionieren und welchen Anteil die Fischer am endgültigen Verkaufspreis erhalten. Mögliche Konsequenzen des Klimawandels und Strategien, wie man insbesondere auf einen zukünftigen Meeres­spiegel­anstieg reagieren soll, werden ebenfalls analysiert.
4.23 > Handwerkliche Fischerei ist auch heute noch in vielen Ländern von großer Bedeutung. Dabei gibt es von Land zu Land ganz verschiedene Fang­methoden – zum Beispiel die Stelzenfischerei, die die Menschen in der Nähe der Küstenstadt Galle auf Sri Lanka praktizieren
Abb. 4.23: Handwerkliche Fischerei ist auch heute noch in vielen Ländern von großer Bedeutung. Dabei gibt es von Land zu Land ganz verschiedene Fang­methoden – zum Beispiel die Stelzenfischerei, die die Menschen in der Nähe der Küstenstadt Galle auf Sri Lanka praktizieren © Kimberley Coole/Lonely Planet/Getty Images

Den Grundstein legen

Ein interessantes Beispiel für Capacity Building auf wissenschaftlicher Ebene ist die Arbeit einer internationalen Meeresschutzorganisation, die seit 30 Jahren jährlich in Kanada einen Ocean-Governance-Workshop für junge Fachkräfte verschiedener Disziplinen aus aller Welt veranstaltet. Das Ziel besteht darin, die jungen Menschen bereits am Beginn ihrer Berufstätigkeit für die Bedeutung des Meeres zu sensi­bili­sieren. Damit soll die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass die Teilnehmer auch während ihrer beruflichen Karriere das Thema Meeresschutz vertreten. Bis heute haben rund 600 Menschen an den Workshops in Kanada teilgenommen, und tatsächlich haben viele von ihnen heute Positionen inne, in denen sie engen Kontakt zu den politischen Entscheidern haben. Viele der Work­shop­teil­nehmer halten untereinander ­Kontakt und das Thema Ocean Governance weiterhin hoch – darunter ein Generalanwalt im Justizministerium von Sri Lanka sowie die Forschungs­beauf­tragte des staatlichen Instituts für Meeresangelegenheiten (Institute of Marine Affairs) von Trinidad und Tobago. Alles in allem ist das Enga­ge­ment der Menschen weltweit für den Meeresschutz beachtlich. Und es sieht ganz so aus, als sei die Bedeutung der Ozeane und der nachhaltigen Nutzung heute sehr viel mehr Menschen bewusst als noch vor wenigen Jahren.
4.24 > Nach der Havarie des Öltankers „Amoco Cadiz“ im März 1978 vor der Bretagne gab es wie hier im französischen Brest massive Proteste gegen die Ölverschmutzung. Demon­stra­tionen wie diese führten dazu, dass im Tanker­verkehr mit den Jahren deutlich höhere Sicher­heits­standards eingeführt wurden.
Abb. 4.24: Nach der Havarie des Öltankers „Amoco Cadiz“ im März 1978 vor der Bretagne gab es wie hier im französischen Brest massive Proteste gegen die Ölverschmutzung. Demon­stra­tionen wie diese führten dazu, dass im Tanker­verkehr mit den Jahren deutlich höhere Sicher­heits­standards eingeführt wurden. © Alain Dejean/Sygma/Corbis

Druck von der Basis

Meeresschutz lässt sich auf verschiedenen Wegen erreichen. Zum einen natürlich, indem auf der politischen Ebene entsprechende Entscheidungen getroffen und Gesetze verankert sowie Kontrollen durchgeführt und Sanktionen verhängt werden. Andererseits werden Entscheidungsträger in der Politik oftmals erst dann aktiv, wenn eine Zivilgesellschaft Druck macht. Voraussetzung dafür ist, dass eine Bevölkerung überhaupt in der Lage ist, sich entsprechend zu engagieren. Dazu gehört, dass sie gut informiert ist und dass sie für eine nachhaltige Nutzung des Meeres und der Küsten­ge­wässer sensibilisiert wird. Der Druck, den die Öffentlichkeit erzeugen kann, ist nicht zu unterschätzen. Dass beispielsweise Öltanker heute gemäß IMO-Reglement mit doppelten Schiffswänden (Doppelhülle) ausgestattet werden müssen, ist nicht zuletzt auf die massiven Proteste der Öffentlichkeit und eine entsprechende Berichterstattung in den Medien zurück­zuführen, deren Vehemenz über viele Jahre und mit jedem größeren Tanker­unfall zunahm. Dass es allerdings erst zu Katas­trophen kommen musste, bevor gehandelt wurde, sollte uns zu denken geben. Eine vorausschauende Planung für eine nachhaltige Entwicklung ist für die Zukunft daher das Gebot der Stunde. Textende
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