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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Meeresschutz ist möglich

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Fischerei kontra Meeresschutz?

Eine zusätzliche Herausforderung für die EU ist derzeit, das Fischereimanagement mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) in Einklang zu bringen, die 2008 verabschiedet wurde. Die MSRL strebt allgemein einen „guten Umweltzustand des Meeres“ an. Dazu gehört nicht nur eine nachhaltige Fischerei, sondern auch der Schutz der Lebensräume am Meeresgrund. Durch Bodenfischerei können diese beeinträchtigt werden, selbst wenn die Fischerei im Hinblick auf Fischbestände nachhaltig ist. Gemäß MSRL müsste die Fischerei in Zukunft zusätzlich so gelenkt werden, dass besonders schützenswerte Meeresgebiete der EU gar nicht mehr oder weniger intensiv befischt werden. In der EU arbeiten derzeit einige Wissenschaftler daran, den Meeresboden zu kartieren und Informationen darüber zu sammeln, welche Arten von Lebewesen in den verschiedenen Gebieten am Meeresboden vorkommen – etwa in Miesmuschelbänken, Seegraswiesen oder verschiedenen Sedimenten. Darüber hinaus werden Karten erstellt, die zeigen, wie intensiv die verschiedenen Gebiete befischt werden. So wird man künftig besser einschätzen können, welche Bereiche besonders empfindlich sind und eventuell von der bodenberührenden Fischerei ausgenommen werden sollten.

Verschiedene Nutzungen auf engem Raum

Will man einen besseren Schutz der Meeresumwelt und eine nachhaltige Nutzung von Meeresressourcen erreichen, müssen Schutz und Nutzung künftig besser auf­einander abgestimmt werden. Ein wichtiges Instrument dafür ist die Meeresraumplanung (Marine Spatial Planning, MSP). Damit lassen sich verschiedene Vorstellungen über die Nutzung eines Meeresgebietes in Einklang bringen. Wirtschaftliche Tätigkeiten wie die Fischerei, der Bau von Offshore-Windanlagen, die Gewinnung von Kies und Bau­sand durch Baggerarbeiten, der Schiffsverkehr oder auch die Ölförderung müssen gegen andere Nutzungen des Meeres wie Freizeit und Erholung und nicht zuletzt den Meeresschutz abgewogen werden. Die MSP hat ihren Ursprung in den 1980er Jahren, als um den Schutz und die Nutz­ung des Great Barrier Reef vor der australischen Ostküste gerungen wurde. Nach heutiger Auffassung von Experten sollte eine MSP stets dem Öko­system­ansatz folgen, nach dem die Nutzung eines Meeresgebietes so auszugestalten ist, dass weder die Meeres­lebensräume geschädigt noch ihre Öko­system­leis­tungen eingeschränkt werden. Letztlich soll die MSP einen Wildwuchs an Nutzungen verhindern, der in der Ver­gangen­heit in vielen Regionen der Welt zu hohen Belas­tungen der Küsten­ge­wässer und Umweltproblemen geführt hat. Voraussetzung für eine erfolg­reiche MSP ist, dass alle Interessengruppen und die Bevölkerung vor Ort in den Planungsprozess eingebunden werden.
4.15 > Das Gezeitenkraftwerk SeaGen in der Meerenge von Strangford, Nord­irland, hat eine Leis­tung von 1,2 Megawatt. Es liefert so viel Strom wie eine kleine Windenergieanlage. Dieses Gezeitenkraftwerk ist insofern ungewöhnlich, als dass es Energie mittels Rotoren gewinnt. Üblicherweise arbeiten Gezeitenkraftwerke mit Turbinen, die in einem Sperrwerk installiert sind.
Abb. 4.15: Das Gezeitenkraftwerk SeaGen in der Meerenge von Strangford, Nord­irland, hat eine Leis­tung von 1,2 Megawatt. Es liefert so viel Strom wie eine kleine Windenergieanlage. Dieses Gezeitenkraftwerk ist insofern ungewöhnlich, als dass es Energie mittels Rotoren gewinnt. Üblicherweise arbeiten Gezeitenkraftwerke mit Turbinen, die in einem Sperrwerk installiert sind. © www.siemens.com/presse

Zusatzinfo Offshore-Energie – Platz für Ökostrom­kraft­werke im Meer

Offshore-Wind treibt die Raumplanung an

Seit Anfang des neuen Jahrtausends hat das Interesse an einer marinen Raum­ord­nung deutlich zugenommen. Dazu beigetragen haben in vielen Meeres­gebieten der zunehmende Schiffsverkehr und der Trend, verstärkt Boden­schätze wie Erdgas und Erdöl im Meer zu fördern. In Eu­ropa, speziell in Großbritannien und später auch in Deutschland, war überdies der starke Ausbau der Offshore-Windenergie eine treibende Kraft bei der Ein-führung der MSP. Die Frage, wie sich der Ausbau der Windkraft mit der Schifffahrt und der Sicherheit der marinen Verkehrs­wege ver­ein­baren ließe, stand hierbei im Vordergrund. So verlangten die Behörden genaue Untersuchungen dazu, inwieweit Windräder eine Gefährdung darstellen – bei­spiels­weise für den Fall, dass ein havariertes Schiff abtreibt. Auch wurde mit biologischen Gutachten intensiv der Frage nachgegangen, inwieweit die großen Windparks die Routen von Zugvögeln stören. Andere Länder wie Dänemark und die Niederlande wiederum hatten ein Interesse daran, zu prüfen, inwieweit Offshore-Bau­maß­nah­men den Status des Wattenmeeres als UNESCO-Weltnaturerbe (UN Educational, Scientific and Cultural Organization, Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) gefährden. Es ist heute abzusehen, dass insbesondere der Ausbau der Offshore-Energie­ge­winn­ung weltweit noch zunehmen wird. Im Sinne des Klimaschutzes ist das zu begrüßen. Unweigerlich aber wird diese Form der Energiegewinnung auch außerhalb Europas mit Meeresnutzungs- und Schutzaspekten kollidieren. Schon die Bauphase bietet Konfliktpotenzial. So werden die Fundamente mit schweren Maschinen in den Meeresboden gerammt, wodurch extrem starke Schallpulse entstehen, von denen man heute weiß, dass sie das Gehör von Meeressäugern zerstören können. Zwar versucht man, durch Maßnahmen wie Vorhänge aus Luftblasen den Schall zu dämpfen. Möglicherweise wird man sich beim Bau von Windparks künftig aber zum Teil am Verhalten der Meeressäuger orientieren müssen, beispielsweise einen Baustopp einlegen, wenn Walmütter mit Jungtieren vorbeiziehen. Ist ein Windpark einmal angelegt, so ist auch Fischfang – in vielen Küstenstaaten ein ungemein wichtiger Wirtschaftsfaktor – dann dort nicht mehr möglich. Alternativen müssen gefunden werden. Allen diesen Aspekten wird eine MSP in Zukunft Rechnung tragen müssen.

Ökosystemansatz Der Begriff „Ökosystemansatz“ bezeichnet eine Strategie für das Management von Landflächen, Meeres­gebieten und natürlichen Ressourcen, die sich daran ausrichtet, dass die Balance von Ökosystemen erhalten bleibt. Dabei werden nicht einzelne Arten für sich selbst betrachtet, sondern insbesondere die Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Lebewesen sowie zwischen den Lebewesen und ihrer natürlichen Umgebung berücksichtigt.

Die perfekte MSP

Letztlich führte zunächst jedes Land MSPs nach eigenem Gutdünken durch, sodass von einer einheitlichen Raumplanung lange nicht die Rede sein konnte. MSP-Experten des Internationalen Ozeano­graphischen Ausschusses (Intergovernmental Oceano­graphic Commission, IOC) der UNESCO veröf­fent­lichten deshalb im Jahr 2009 einen MSP-Leitfaden. Dieser liefert Vorgaben für einen idealen Planungs­prozess, der den Öko­system­ansatz berücksich­tigt. Wie die Autoren betonen, ist dieser Leitfaden allgemein gültig und kann auf internationaler, regionaler und lokaler Ebene ange­wendet werden. Nach diesem Leitfaden sollte eine MSP die folgenden 10 Schritte enthalten:
  • Bedürfnisse und zuständige Behörden definieren;
  • Finanzierung sichern;
  • Prozess durch Vorausplanung organisieren;
  • Beteiligung von Interessengruppen organisieren;
  • aktuelle Rahmenbedingungen definieren und analysieren;
  • künftige Rahmenbedingungen definieren und analysieren;
  • Planung vorbereiten und gutheißen;
  • abgestimmte Planung implementieren und durchsetzen;
  • Monitoring und Beurteilung der Umsetzung;
  • Anpassung des Managementprozesses.
4.16 > Mit der Meeres­raum­planung (MSP) lassen sich Konflikte zwischen Zugvögeln und Windkraftanlagen vermeiden.
Abb. 4.16: Mit der Meeres­raum­planung (MSP) lassen sich Konflikte zwischen Zugvögeln und Windkraftanlagen vermeiden. © Mark Schuurman/Buiten-beeld/Getty Images
Die Autoren weisen darauf hin, dass eine MSP ein längerer Prozess sei und immer wieder an neue Bedingungen angepasst werden müsse, indem sich die Planungs­behörden und die verschiedenen Interessenvertreter erneut abstimmten. Dazu gehöre es auch, diverse Nutzungs­­szenarien durchzuspielen. Wichtig sei es, schon zu Beginn konkrete Planungsziele festzulegen, die sich tatsächlich messen lassen. Eine solche umfassende MSP habe viele Vorteile, schreiben die Autoren. Einer bestehe darin, dass man während des Planungs­prozesses gemeinsame Nutz­ungs­interessen erkennen könne. So kann ein Offshore-Windpark beispiels­weise durchaus als Rückzugsgebiet von Fischarten und insbesondere Jungfischen dienen, da hier nicht gefischt wird. Denkbar ist es auch, touristische Fahrten in Windpark­gebiete zu unternehmen. In Meeres­gebieten, in denen natürliche Riff­strukturen durch die Fischerei zerstört wurden, können die Fundamente von Windradmasten auch als künstliche Substrate dienen, auf denen sich Lebewesen ansiedeln, die festen Untergrund benötigen. Und letztlich lassen sich auch verschiedene Typen von Offshore-Energie miteinander verknüpfen. Beispielsweise ließen sich am Fuße von Windrad­masten Anlagen installieren, die aus der Meeres­strömung Energie gewinnen. Der verfügbare Platz im Meeresgebiet könnte so besser ausgenutzt werden.

Abb. 4.19: Für die deutsche AWZ gibt seit 2009 ein Raumord­nungsplan vor, in welchen Gebieten bestim­mte Nutzungen erlaubt sind. Dieser Auszug aus dem Raum­ordnungs­plan zeigt zum Beispiel, dass Windparks nur außerhalb der Natura-2000-Schutzgebiete und in beträcht­lichem Abstand zu den Schifffahrtswegen errichtet werden dürfen. © nach BSH

4.19 > Für die deutsche AWZ gibt seit 2009 ein Raumord­nungsplan vor, in welchen Gebieten bestim­mte Nutzungen erlaubt sind. Dieser Auszug aus dem Raum­ordnungs­plan zeigt zum Beispiel, dass Windparks nur außerhalb der Natura-2000-Schutzgebiete und in beträcht­lichem Abstand zu den Schifffahrtswegen errichtet werden dürfen.

Verbindliche Meeresraumplanung

Es gibt inzwischen einige Länder, in denen die MSP verbindlich und nach nationalem Recht auch rechtlich durchsetzbar ist, beispielsweise Belgien, China, Deutschland, Großbritannien und die USA. In der Europäischen Union trat 2014 zudem eine Richtlinie in Kraft, mit der die Mitglied­staaten dazu verpflichtet werden, die Raum­pla­nung im Meer zu harmonisieren. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass sich an den Grenzen der AWZ Konflikte ergeben. So könnte in Zukunft bei­spiels­weise verhindert werden, dass ein Meeresschutz­gebiet auf der einen Seite der Grenze direkt an ein Gebiet grenzt, in dem der Nachbarstaat den Abbau von Kies und Sand betreiben möchte. Deutschland liefert mit seinem Raumordnungsgesetz ein Beispiel dafür, wie ver­schie­dene Interessen verbindlich miteinander abgestimmt werden. Nach diesem Gesetz werden bereits seit vielen Jahren an Land Flächen für verschiedene Nutzungen, wie etwa die wirtschaftliche Entwicklung, den Naturschutz oder auch Erholungsgebiete, festgelegt und in einer Art detaillierter Nutzungskarte eingetragen. Dieses Raumordnungsmodell wurde auf die AWZ übertragen und ein entsprechender mariner Raum­ordnungsplan erstellt. Treibende Kraft war zunächst die Offshore-Windenergie, da die damalige Bundes­regierung zu Beginn des neuen Jahrtausends den massiven Ausbau regenera­tiver Energien vorantrieb. Anders als die Schifffahrt oder die Fischerei stellen Windräder keine mobile Nutzungsform dar. Sie sind vielmehr Bauwerke, die einen Meeresraum permanent für mindestens 25 Jahre beanspruchen. Da ein Windpark mit 100 Anlagen leicht ein Areal von 30 bis 40 Quadratkilometern einnimmt, ist der Flächenanspruch zudem sehr groß. Zunächst wurde mit Risikoanalysen geprüft, inwieweit Windparks eine Gefährdung der Schifffahrt darstellen. In der Folge wurden Ausschlussgebiete für Windparks definiert, um Kollisionen zu vermeiden, sowie Vorranggebiete, die für die Windenergienutzung reserviert bleiben.
4.20 > Auch die Verlegung von Seekabeln, die mit großen Schiffen wie der „Team Oman“ auf den Meeres­boden herab­ge­lassen werden, muss bei der marinen Raumplanung berücksichtigt werden.
Abb. 4.20: Auch die Verlegung von Seekabeln, die mit großen Schiffen wie der „Team Oman“ auf den Meeres­boden herab­ge­lassen werden, muss bei der marinen Raumplanung berücksichtigt werden. © Detlev Gehring/TenneT

Schutzgebiete in der AWZ

Der Raumordnungsplan für die deutsche AWZ trat 2009 in Kraft. In ihm sind auch Kabeltrassen, Abbaugebiete für Kies und Sand oder Meeres­schutz­gebiete verzeich­net. Bei Letzteren handelt es sich um sogenannte Natura-2000-­Gebiete. Nach mehreren EU-Richtlinien müssen alle EU-Staaten solche Natura-2000-Gebiete ausweisen. Dabei handelt es sich um Areale, durch die in ganz Europa ein zusam­men­hängen­des Netzwerk von Schutzgebieten entstehen soll. Damit soll die Verinselung der europäischen Schutzgebiete bekämpft werden, sodass sich selten gewordene Pflanzen- und Tierarten ihre ursprünglichen Verbreitungsgebiete zurück­erobern können. Zu den Natura-2000-Gebieten zählen auch Meeresgebiete der Mitglied­staaten. Dass Deutschland mit dem Raumordnungsplan sämtliche Natura-2000-Flächen in seiner AWZ von jeg­licher Nutzung ausnimmt, halten Experten für beispielhaft. Denn in Natura-2000-Gebieten darf normalerweise durchaus eine wirtschaftliche Nutzung stattfinden, wenn man mit Gutachten nachweist, dass der Schutz­charakter dadurch nicht beeinträchtigt wird. Rund 30 Prozent der deutschen AWZ in der Nordsee und 50 Prozent der AWZ in der Ostsee wurden damit unter Schutz gestellt. Doch es gibt auch Kritik. Schon vor dem Inkrafttreten des Raumordnungs­plans 2009 hatten Unternehmen Anträge für die Errichtung von Windparks gestellt. Für ein Projekt hatten die Betreiber vor 2009 eine Genehmigung erhalten. Dieses liegt heute in einem Natura-2000-Gebiet. Weil die Genehmigung aber bereits besteht, darf trotzdem gebaut werden. Für gewöhnlich werden Raumordnungspläne in Deutschland etwa alle 7 Jahre überarbeitet. Die Kritiker möchten den Raumordnungsplan jetzt dahingehend ändern, dass die alte Genehmigung für die Errichtung des Windparks im Schutzgebiet aufgehoben wird. >
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