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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Fahrplan für eine nachhaltige Zukunft?

Fahrplan für eine nachhaltige Zukunft? © Nick Cobbing

Fahrplan für eine nachhaltige Zukunft?

> Eine umfassende nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen ist eine der großen Herausforderungen für die Zukunft. Daher bereiten die Vereinten Nationen derzeit eine Agenda mit 17 nachhaltigen Einwicklungszielen vor, die die Marschroute bis zum Jahr 2030 vorgeben soll. Eines dieser Ziele ist die schonende Nutzung der Meere. Ob man sich diesem Ideal annähern kann, wird aber vom Engagement einzelner Staaten abhängen.

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Soziale Gerechtigkeit als großes Ziel

Weltweit unterscheiden sich die Lebensbedingungen der Menschen noch immer erheblich. Viele Menschen leben in bitterer Armut, leiden Hunger und haben keine Chance auf Bildung oder sozialen Aufstieg. Angesichts der immensen gesell­schaft­lichen Probleme, die es vielerorts gibt, verabschiedeten die Vereinten Nationen im September 2000 die sogenannte Millenniumserklärung, aus der 8 wichtige Entwick­lungs­ziele (Millennium Development Goals, MDGs) abgeleitet wurden. Diese sollten dazu beitragen, vor allem die sozialen Bedingungen in den Entwick­lungs­ländern bis zum Jahr 2015 deutlich zu verbessern. Einige dieser Ziele wurden erreicht, viele nur zum Teil. Nach Maßgabe von MDG 4 sollte beispielsweise die Kindersterblichkeit bis 2015 im Vergleich zum Jahr 1990 um zwei Drittel sinken. Damals starben pro Jahr 12,7 Millionen Kinder unter 5 Jahren. Dass diese Zahl heute trotz wachsender Weltbevölkerung auf immerhin rund 6 Mil­lionen reduziert werden konnte, werten die Vereinten Nationen als Etappensieg auf dem Weg zu einer weiteren Verringerung der Kindersterblichkeit.
4.1 > Mäßigen Erfolg gibt es bei der Verringerung der Zahl von Menschen, die weltweit in Slums leben müssen. Zwar fiel der Anteil von 46,2 Prozent im Jahr 1990 auf 32,7 Prozent im Jahr 2012. Aufgrund des Bevölker­ungs­wachs­tums nahm aber die absolute Zahl der Slumbewohner im selben Zeitraum von 650 auf 863 Millionen zu.
Abb. 4.1: Mäßigen Erfolg gibt es bei der Verringerung der Zahl von Menschen, die weltweit in Slums leben müssen. Zwar fiel der Anteil von 46,2 Prozent im Jahr 1990 auf 32,7 Prozent im Jahr 2012. Aufgrund des Bevölker­ungs­wachs­tums nahm aber die absolute Zahl der Slumbewohner im selben Zeitraum von 650 auf 863 Millionen zu © UN
Trotz solcher Hoffnungsschimmer gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Kritik an den MDGs. Be-mängelt wurde mit Blick auf das klassische Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, dass bei den MDGs ein einseitiger Schwerpunkt auf die sozialen Belange gelegt wurde. Ökologische Aspekte wurden nur in MDG 7 berück­sichtigt. Das Thema Meer wurde erst gar nicht erwähnt. Auch hätten die MDGs, so die Kritiker, kaum Governance-Aspekte betrachtet und sich vor allem auf Entwicklungsländer bezogen.

Umfassende Nachhaltigkeitsagenda für die ganze Welt?

Auf einem MDG-Gipfeltreffen im Jahr 2010 wurde deshalb beschlossen, eine neue Agenda für die Zeit von 2015 bis 2030 festzulegen. Die künftigen Ziele sollten für Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer gleichermaßen gelten und alle Säulen der Nachhaltigkeit berücksichtigen. Ein wesentlicher Gedanke war dabei auch, dass sich die Lebensbedingungen nicht verbessern lassen, wenn Umweltaspekte vernach­lässigt und somit die Lebensgrundlagen der Menschheit weiter zerstört werden. In die neue Agenda für die Zeit nach 2015 sollten deshalb auch die Forderungen des Rio+20-Gipfels einfließen, eines internationalen Nach­haltig­keits­gipfels, der 2012 genau ­ 20 Jahre nach der großen Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung an gleicher Stelle stattfand. In dessen Abschluss­erklärung wurden einer­seits soziale Aspekte wie die Bekämpfung der Armut berücksichtigt. Andererseits wurde aber ein nachhaltiges Wirtschaften sowie die Bekämpfung von Umwelt­pro­blemen wie Bodenerosion, Wüstenbildung und Klimawandel gefordert. Um die neue Nach­haltig­keits­agenda für die Zeit nach 2015 auszuarbeiten, wurde 2012 unter dem Dach der UN eine Arbeitsgruppe, die Open Working Group (OWG), ins Leben gerufen, die eine Vielzahl von Akteuren in die Beratungen einbeziehen sollte.
4.2 > Bis zum Jahr 2015 wurden mehrere MDGs erreicht. Dazu zählt das Ziel, die Zahl der Menschen zu halbieren, die mit weniger als 1,25 US-Dollar täglich auskommen müssen. Doch vor allem in Afrika südlich der Sahara ist noch immer fast die Hälfte der Menschen sehr arm. Dieser Wert ist seit 1990 kaum gesunken. In China hingegen ist es sogar gelungen, die Zahl der Armen um vier Fünftel zu reduzieren.
Abb. 4.2: Bis zum Jahr 2015 wurden mehrere MDGs erreicht. Dazu zählt das Ziel, die Zahl der Menschen zu halbieren, die mit weniger als 1,25 US-Dollar täglich auskommen müssen. Doch vor allem in Afrika südlich der Sahara ist noch immer fast die Hälfte der Menschen sehr arm. Dieser Wert ist seit 1990 kaum gesunken. In China hingegen ist es sogar gelungen, die Zahl der Armen um vier Fünftel zu reduzieren. © UN

Abb. 4.3: In der Diskussion um die Nachhaltigkeitsziele wurden auch die Probleme der Malediven und anderer kleinerer pazifischer Inselstaaten erörtert, die besonders durch den Meeres­spiegel­anstieg bedroht sind. © KARI/ESA 4.3 > In der Diskussion um die Nachhaltigkeitsziele wurden auch die Probleme der Malediven und anderer kleinerer pazifischer Inselstaaten erörtert, die besonders durch den Meeres­spiegel­anstieg bedroht sind.

Offen für viele Wünsche

Anders als bei vielen anderen Planungsprozessen unter dem Dach der Vereinten Nationen sollte die Open Working Group, wie der Name schon andeutet, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein. Interessierte Gruppen, Firmen oder Einzelpersonen konnten über ein Internetportal Positionspapiere und fundierte Vorschläge für die Definition neuer Ziele einreichen. Zudem wurden Wissenschaftler und andere Experten gebeten, ihre Erfahrungen zu verschiedenen Aspekten einer nachhaltigen Zukunft in den Prozess einzubringen. Für gewöhnlich dürfen alle Staaten einen Vertreter in die diversen Ausschüsse und Gremien der Vereinten Nationen entsenden. Soll jeder Vertreter zu Wort kommen, reduziert sich wegen der hohen Zahl von fast 200 Staaten die Zeit für einzelne Stellungnahmen auf ein Minimum. Um konstruktiv, effizient und näher am Thema arbeiten zu können, wurde daher beschlossen, in der OWG jeweils 3 Länder durch einen einzigen Sprecher vertreten zu lassen – beispielsweise das Ländertrio Deutsch­land, Frankreich, Schweiz. Die Sprecher der Ländertrios – in der Regel Diplomaten oder Referatsleiter aus den Außen- oder auch Umweltministerien der Mitgliedstaaten – lösten sich dabei untereinander turnusmäßig ab. Die Sitzungszeiten in der Open Working Group wurden dadurch deutlich abgekürzt, denn das Ziel war es, in kurzer Zeit einen umfassenden Vorschlag für die neue Nachhaltigkeitsagenda vorlegen zu können. Um eine Expertise von Forschern und anderen Gruppen der Zivilgesellschaft einzuholen, lud die OWG Experten auch direkt nach New York ein, wo sie in Kurz­re­feraten und Statements zu den verschiedenen Aspekten der Nach­haltig­keit Stellung nehmen konnten. Ziel war es, unabhängige Wissenschaftler zu hören, die einen Überblick zum Stand der Forschung in ihrer jeweiligen Fachdisziplin geben konnten. Externe Experten aus der Zivilgesellschaft direkt einzubeziehen ist in der Arbeit der Verein­ten Nationen eher ungewöhnlich. Normalerweise treten vor den UN-Gremien lediglich von den Ländern nominierte Vertreter auf, die ihrerseits von Fachreferenten oder externen Experten beraten werden.
Der Prozess der Anhörungen dauerte 8 Monate. Es kamen auch Experten und Ländervertreter zum Thema Meer zu Wort. Im Frühjahr 2014 veröffentlichte die OWG schließlich ihren Abschlussbericht. Er enthielt einen Vorschlag mit 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs, Sustainable Development Goals) mit 169 Unterpunkten beziehungsweise Teilzielen (Targets), die bis zum Jahr 2030 erreicht werden sollen. Damit ist die SDG-Liste deutlich aus­dif­feren­zierter als die alte MDG-Agenda mit ihren 8 Millenniums-Entwicklungszielen und 21 Teilzielen. In einem ersten Schritt stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesem Vorschlag der Open Working Group im Herbst 2014 zu. In den fol­gen­den Monaten wurde in einem Ausschuss der Ver­ein­ten Nationen weiter darüber verhandelt, wie die SDGs im Detail ausgestaltet und finanziert werden sollen.

Zusatzinfo Die SDGs

Ritterschlag von höchster Stelle

Im Juli 2015 wurde die SDG-Liste der Dritten UN-Konferenz zur Finanzierung der Entwicklungshilfe (Third International Conference on Financing for Development, FfD) in Addis Abeba, Hauptstadt von Äthiopien, vorgelegt. Dort berieten Regierungschefs, hohe Regierungsbeamte sowie Außenminister, Finanzminister und Minister für wirt­schaft­liche Zusammenarbeit darüber, welche finanziellen Mittel die Staaten­gemein­schaft Entwicklungsländern für deren Entwicklungsmaßnahmen zur Verfügung stellen sollte. Im Vorfeld der Konferenz hatte es diesbezüglich noch eine Zusicherung der ent­wick­vvelten Länder gegeben, Maßnahmen zu nachhaltigem Wirtschaften und Maßnahmen gegen die Bedrohungen durch den Klimawandel vom Jahr 2020 an mit 100 Milliarden US-Dollar jährlich zu unterstützen. Vor Ort aber wollte keines der Länder eine definitive Zusage über Zahlungen machen. So bleibt zunächst unklar, woher das Geld künftig kommen soll. Immerhin einigten sich die Delegierten darauf, dass Projekte zur Bekäm­pfung der Armut oder des Hungers nicht getrennt von Klima­schutz­bemühungen betrachtet werden dürften. Künftige Entwicklungsinitiativen müssten beide Ziele zugleich verfolgen.
Ein Ergebnis der Konferenz ist auch, dass Deutschland, Großbritannien, die Nieder­lande und die USA eine Initiative auf den Weg bringen, mit der Ent­wick­lungs­länder dahingehend unterstützt werden sollen, ihr Steuersys­tem so zu reformieren, dass Gelder für die Finanzierung der SDGs frei werden. Kritiker merken an, dass der Kampf für mehr Nachhaltigkeit damit aber auf die national­staat­liche Ebene reduziert werde, statt die Heraus­forderungen durch internationales Enga­gement anzugehen. Im September 2015 stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, das höchste Gremium der UN, dem SDG-Entwurf zu. Damit ist erstmals ein Handlungsrahmen für eine umfassende nachhaltige Entwicklung der Welt geschaffen worden. Positiv hervorzuheben ist auch, dass mit Verabschiedung der SDGs knapp 2000 Initiativen weltweit ihre Arbeit aufgenommen haben, die auf regionaler Ebene verschiedene Projekte im Sinne der SDGs durchführen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Aufbruchstimmung auch in Zukunft anhält. Denn auch nach der General­voll­ver­sammlung bleibt offen, wie die SDGs bis 2030 finanziert werden sollen.

Kritik am SDG-Katalog

Bereits im Frühjahr 2015 veröffentlichte der Internatio­nale Wissenschaftsrat (Inter­nat­ional Council for Science, ICSU) eine Stellungnahme zum SDG-Katalog der Open Working Group. Darin bewertete er die 169 Teilziele der SDGs aus der Sicht der Wissenschaft und auch danach, wie ausgereift sie erscheinen. Er kam zu dem Schluss, dass nur ­29 Prozent der SDGs ausgereift sind. Für 54 Prozent der Teilziele wünschte sich der ICSU, dass die Ziele spezifischer ausformuliert würden. Für 17 Prozent der Teil­ziele empfahl der Rat eine ausführliche Überarbeitung. Be­mängelt wurde unter anderem, dass die ausformulierten SDGs nicht den hohen Ansprüchen genügten, die die OWG anfangs selbst an ihre Ziele gestellt habe. Demnach sollten alle Ziele die sogenannten SMART-Kriterien erfüllen. Das Akronym SMART stammt aus der Betriebswirtschaftslehre und dem Projektmanagement. Es besagt, dass sich Ziele nur dann erreichen lassen, wenn sie die folgenden 5 Kriterien erfüllen: Sie müssen spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert sein. Dementsprechend wurde kritisiert:
  • dass manche Ziele nicht ausreichend spezifiziert worden seien (So fordere Teilziel 14.7, die Meeresressourcen kleiner Inselentwicklungsstaaten nach­haltig zu nutzen. Doch werde die Art der Nutzung der Ressourcen nicht ausreichend differenziert. In diesem Fall müsse konkret eingefordert werden, dass der Meeresbergbau oder auch die Energieerzeugung nachhaltig gestaltet werden sollten);
  • dass bei manchen Zielen messbare Zielwerte fehlten (Das könne dazu führen, dass einzelne Staaten die Ziele nicht mit dem nötigen Engagement verfolgten. Teilziel 14.1 etwa fordere lediglich, alle Arten der Meeres­ver­schmutz­ung deutlich zu senken. Damit werde aber eher ein Ideal als ein klares Ziel formuliert. Sinnvoller sei es, konkrete Werte anzugeben. So sei etwa eine Reduzierung der Meeresverschmutzung um 30 Prozent ein klares und erreichbares Ziel);
  • dass es zu große Unterschiede in der Dringlichkeit verschiedener Ziele gebe (Entwicklungsländer, die derzeit große Anstrengungen unternehmen müssten, um die Unterernährung ihrer Bevölkerung zu bekämpfen [SDG 2], würden zum Beispiel weniger Energie in die Entwicklung eines sanften Tourismus [Teilziel von SDG 8] stecken können als eine Industrienation. Insofern wäre von vornherein eine Priorisierung bestimmter Ziele sinnvoll gewesen);
  • dass die Zahl von 17 Zielen und 169 Teilzielen unrealistisch hoch sei (Schon jetzt sei absehbar, dass sich mit den verfügbaren Geldern nur ein Teil der Ziele er­reichen lasse. Die Zahl der MDGs sei kleiner gewesen, und zudem habe es klare Prioritäten gegeben, wodurch Erfolge überhaupt erst möglich geworden seien);
  • dass nicht bei allen Zielen Termine gesetzt worden seien (Das sei etwa bei Teilziel 14.3 der Fall, nach dem die Ozeanversauerung lediglich genauer untersucht und grundsätzlich eingedämmt werden soll);
  • dass nicht ausreichend berücksichtigt werde, dass es zwischen einzelnen Zielen Widersprüche gebe (So fordert SDG 2, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Gemäß Teilziel 2.3 müsste sich dafür die landwirtschaftliche Produktivität bis zum Jahr 2030 verdoppeln. Da dafür auch große Mengen von Kunstdünger eingesetzt werden würden, sei zu befürchten, dass die Überdüngung von Flüssen und Küstengewässern weiter zunehmen könnte, was aber wiederum Teilziel 14.1 widerspreche. Dieses fordert unter anderem, die Nährstofffracht in die Küstengewässer zu verringern). >
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