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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Gefährdete Arten

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Genetische Verarmung bei Fischen?

Große und alte Fische investieren im Verhältnis zu ihrer Körpergröße relativ mehr Energie in die Produktion von Eiern als kleine und junge Tiere, die deutlich weniger Körpermasse und Volumen haben. Alte Fische sind damit eine Art Reproduktionsversicherung. Solange genug alte Fische da sind, wird genug Nachwuchs produziert. In Beständen aber, die aus wenigen und vor allem jungen Altersgruppen bestehen, steigt die Gefahr von Nachwuchsausfällen, wenn sich die Reproduktionsbedingungen zwischenzeitlich verschlechtern, etwa durch Nahrungsmangel. Bestände, in denen Altfische dominieren, puffern solche Schwankungen besser ab, weil die Alten in der darauffolgenden Saison wieder verlässlich Nachwuchs zeugen. Größere Widerstandsfähigkeit zeigen auch Bestände mit verschiedenen Jahrgängen, da die Laichzeit der Fische mit dem jeweiligen Alter variiert. In einem gemischten Bestand gibt es damit zu jeder Phase ausreichend Tiere, die laichen. Perioden mit ungünstigen Umweltbedingungen lassen sich so abmildern.
1.17 > Ein Fischbestand vor der Befischung, nach der Befischung und nach der Fortpflanzung. Die Veränderungen der Körper­größe ergeben sich aus der fischereiinduzierten Evolution.
1.17 >  Ein Fischbestand vor der Befischung, nach der Befischung und nach der Fortpflanzung. Die Veränderungen der Körpergröße ergeben sich aus der fischereiinduzierten Evolution. © nach Dieckmann
Des Öfteren wird davor gewarnt, dass die Fischerei darüber hinaus bei den befischten Arten zu einer genetischen Verarmung, einer „genetischen Erosion“, führen könnte. Das Phänomen ist auch von Tieren an Land bekannt. Durch die Zerstörung von Lebensräumen wie dem Regenwald wird das Verbreitungsgebiet einer Art stark verkleinert. Viele Individuen sterben, bevor sie sich paaren können. Jedes Lebewesen trägt neben dem artspezifischen Erbgut zu einem kleinen Teil individuelle genetische Merkmale in sich. Stirbt das Tier, ohne dass es Nachkommen gezeugt hat, gehen diese individuellen Merkmale verloren. Die Population verarmt genetisch. Eine extreme Form der genetischen Erosion ist der sogenannte genetische Flaschenhals. In solchen Fällen wird eine Art bis auf wenige Individuen reduziert. Das kann zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe wie etwa einem Vulkanausbruch oder einer Überflutung geschehen. Auch die intensive Bejagung von geografisch eng begrenzten Populationen wie etwa der des Sibirischen Tigers kann zu einem genetischen Flaschenhals führen. Im Extremfall kommt es zu Inzuchteffekten. Die Tiere zeugen Nachkommen, die genetische Defekte haben oder anfällig für Krankheiten sind. Einige Wissenschaftler befürchten, dass die genetische Erosion nicht nur bei Landtieren, sondern durch die Überfischung auch bei manchen Fischarten am Ende zu solchen genetischen Flaschenhälsen führt. Diese Annahme ist bislang aber hypothetisch und vermutlich falsch. Für die meisten kommerziell ausgebeuteten Fischbestände lassen sich weder genetische Erosionen noch genetische Flaschenhälse statistisch nachweisen. Fachleute gehen davon aus, dass selbst kommerziell ausgerottete Fischbestände noch über Tausende fortpflanzungsfähige Individuen verfügen. Die genetische Variabilität bleibt damit so groß, dass Erosionseffekte wahrscheinlich ausgeschlossen sind.
1.18 > Die Eier des Silberlachses, 10 Wochen nach dem Ablaichen. Die Gestalt der Larven ist schon zu erkennen. Bis zum Schlüpfen ernähren sich diese vom gelben Dotter. Die weitere Entwicklung von der Larve zum Fisch findet im freien Wasser statt.
1.18 > Die Eier des Silberlachses, 10 Wochen nach dem Ablaichen. Die Gestalt der Larven ist schon zu erkennen. Bis zum Schlüpfen ernähren sich diese vom gelben Dotter. Die weitere Entwicklung von der Larve zum Fisch findet im freien Wasser statt. © 2012 Michael Durham

Die fischereiinduzierte Evolution verlangsamen

Experten empfehlen, in Zukunft verstärkt ökogenetische Aspekte im Fischereimanagement zu berücksichtigen. Dass das Fischereimanagement eine Fischart nicht losgelöst von ihrem Lebensraum betrachten darf, darüber ist man sich inzwischen einig. Darüber hinaus aber sind ökogenetische Modelle nötig, mit denen sich einschätzen lässt, welche Änderungen die Fischerei bewirkt, wie stark die genetischen Veränderungen einen Bestand beeinflussen, aber auch wie sich diese letztlich auf den künftigen Fischereiertrag auswirken. Es besteht die Hoffnung, dass sich die fischereiinduzierte Evolution durch eine verantwortungsvolle Fischerei positiv steuern oder wenigstens verlangsamen lässt. Gänzlich stoppen kann man sie vermutlich nicht. Weiter fordern Experten den Einsatz komplexerer Evolutionsmodelle. Bislang werden bei der Berechnung der Bestandsentwicklung häufig nur die Altersklassen eines Fischbestands im Detail berücksichtigt. Die Größe der Fische geht in die Kalkulation lediglich als Mittelwert pro Altersklasse ein. Dieser Mittelwert wurde aus jahrelangen Längenmessungen errechnet. Demnach wird einer Altersklasse eines Fischbestands stets nur eine fixe mittlere Größe zugeordnet. Tatsächlich aber verändert sich die mittlere Größe einer Alterklasse von Jahr zu Jahr, vor allem in Abhängigkeit vom Nahrungs­angebot. Jungtiere wachsen in nahrungsarmen Jahren langsamer. Diese Variabilität muss künftig stärker berücksichtigt werden. Und natürlich gibt es in einer Alters­klasse stets größere und kleinere Individuen. Auch diese Schwankungsbreite muss berücksichtigt werden. Ein Mittelwert reicht für Evolutionsmodelle nicht aus. Fachleute fordern daher eine künftig intensivere Zusammenarbeit zwischen Fischereibehörden, die über detaillierte Daten verfügen, und Mathematikern sowie Statistikern, die entsprechende leistungsfähige Rechenmodelle entwickeln können. Textende
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