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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Gefährdete Arten

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Auch andere Meerestiere sind betroffen

Die Fischerei verändert nicht allein das Artgefüge der Fische, die angelandet werden, sondern sie wirkt sich auch auf die Bestände von Tieren aus, die als Beifang gefischt werden. Für das Jahr 2000 haben US-Forscher errechnet, dass weltweit mindestens 200 000 Unechte Karettschildkröten und 50 000 Lederschildkröten versehentlich beim Thunfisch- und Schwertfischfang mitgefischt wurden. Die Schildkröten verfangen sich an den Haken von sogenannten Langleinen. Diese sind meist mehrere Kilometer lang und mit Tausenden Ködern bestückt. Schnappen die Schildkröten danach, bleiben sie an den Haken hängen. Manche können sich aus eigener Kraft befreien, andere werden von den Fischern lebend zurück ins Meer geworfen. Tausende Tiere aber sterben qualvoll. Inzwischen gibt es Versuche, die Haken so zu formen, dass die Schildkröten nicht mehr daran hängen bleiben können. Die Langleinen können auch den Albatrossen zum Verhängnis werden, denn sie sinken nach dem Ausbringen nicht sofort in die Tiefe, sondern schwimmen erst für einige Zeit an der Oberfläche. So locken sie die Vögel an. Umweltorganisationen schätzen, dass weltweit jährlich Hunderttausende Seevögel durch die Langleinen­fischerei unbeabsichtigt getötet werden. Daher testet man mittlerweile neue Methoden, die Langleinen über Rohre auszulegen, die bis in 10 Meter Wassertiefe reichen, sodass die Albatrosse die Köder nicht mehr sehen oder erreichen können.
1.14 > Dieser 268 Kilogramm schwere Rote Thun erzielte bei einer Fischauktion in Tokio im Januar 2012 einen Preis von
566 000 Euro. Ersteigert wurde er von Kiyoshi Kimura (links), Präsident einer Sushi-Gastronomiekette. Anfang 2013 erwarb Kimura sogar einen Thun für gut 1,3 Millionen Euro. Das entspricht einem Kilogrammpreis von über 6000 Euro.
1.14 > Dieser 268 Kilogramm schwere Rote Thun erzielte bei einer Fischauktion in Tokio im Januar 2012 einen Preis von 566 000 Euro. Ersteigert wurde er von Kiyoshi Kimura (links), Präsident einer Sushi-Gastronomiekette. Anfang 2013 erwarb Kimura sogar einen Thun für gut 1,3 Millionen Euro. Das entspricht einem Kilogrammpreis von über 6000 Euro. © Shizuo Kambayashi/AP Photo/ddp images
Durch Beifang bedroht ist auch der Schweinswal in der Ostsee. In der östlichen Ostsee gibt es nach Schätzungen nur noch 500 bis 600 Exemplare. Der Schweinswal wurde hier jahrzehntelang gejagt. Außerdem setzten ihm strenge Eiswinter zu. Heute bringt jedes versehentlich gefangene Tier den Bestand der Ausrottung näher. Beinahe tragisch ist, dass sich der östliche Ostseeschweinswal selten mit seinen Verwandten in der Nordsee und westlichen Ostsee paart. Denn der Nordseebestand ist noch vergleichsweise groß. Forscher schätzen ihn auf 250 000 Tiere. Da sich die östlichen Tiere nicht mit ihren westlichen Verwandten paaren, ist zu befürchten, dass die Art in der östlichen Ostsee ausstirbt. Für diese Region bedeutet das einen Verlust an Artenvielfalt.

Genotyp Als Genotyp bezeichnet man die Gesamtheit der genetischen Informationen eines Lebewesens, die im Zellkern einer jeden Körperzelle gespeichert ist. Bei Individuen einer Art sind die meisten Gene gleich. Deren Kombination jedoch ist bei jedem Lebewesen einzigartig.

Phänotyp Der Phänotyp ist das Erscheinungsbild eines Individuums: die sichtbare Ausprägung des individuellen Genotyps. Phänotypische Merkmale sind Augenfarbe, psychologische Eigenschaften oder Krankheiten, die genetisch bedingt sind.

Die Fischerei beeinflusst die Evolution

Der intensive Fischfang verändert die biologische Vielfalt aber noch in anderer Hinsicht. Fachleute sprechen von fischereiinduzierter Evolution. Wenn die Fischerei vor allem große und alte Individuen wegfängt, setzen sich im Laufe der Zeit kleine Fische durch, die bereits in jungem Alter Nachkommen zeugen. Damit stellt die Fischerei den natürlichen Zustand auf den Kopf. In natürlichen Lebensräumen, die nicht von der Fischerei beeinflusst werden, setzen sich jene Fische durch, die groß sind und erst in hohem Alter geschlechtsreif werden. Ihre Eier haben eine geringere Sterblichkeit. Die Eier und auch die Larven können in der ersten Zeit eher Hungerphasen überstehen, weil sie mit mehr Reservestoffen, mehr Dotter, ausgestattet sind als die Eier und Larven von jung reproduzierenden Eltern. Davon profitiert letztendlich der gesamte Bestand, denn so wird regelmäßig viel Nachwuchs hervorgebracht, der den Bestand erhält.

Unter Fischereidruck hingegen pflanzen sich vor allem jene Tiere fort, die schon bei geringerer Größe geschlechtsreif sind, aber weniger Eier produzieren. Zudem haben ihre Eier eine höhere Sterblichkeit. Anhand von Modellrechnungen und Analysen realer Fangdaten konnten Forscher am Beispiel des Nordost-Arktischen Kabeljaus zeigen, dass es im Laufe der Zeit in diesem Fischbestand tatsächlich zu genetischen Veränderungen gekommen ist. Es setzen sich Fische mit folgender genotypischer Ausprägung durch: Die Fische werden schon jung und bei geringer Körpergröße geschlechtsreif. Das gilt sowohl für Männchen als auch für Weibchen. Die Forscher haben ihr Modell zu diesem Zweck mit Fangdaten versehen, die bis in das Jahr 1930 zurückreichen und die allmählichen Veränderungen bezüglich Alter, Größe und Reproduktionsleistung dokumentieren. Grundlage der Untersuchung waren besonders detaillierte Datensätze über den Fischfang in norwegischen Gewässern. Ursprünglich wurde der Nordost-Arktische Kabeljau im Alter von 9 bis 10 Jahren geschlechtsreif.
1.15 > Durch die jahrzehnte­lange Fischerei haben sich in der Nordsee nach und nach Schollen durchgesetzt, die schon bei geringer Körpergröße geschlechtsreif werden. In mathematischen Modellen, die mit verschiedenen Wahrschein­lichkeiten (p) arbeiten, lässt sich dieser Zusammenhang anschaulich verdeutlichen. Dargestellt ist die Körperlänge (L) von 4-jährigen Schollen, die mit 90-prozentiger Wahrschein­lichkeit (p90) in der kommenden Saison geschlechtsreif werden. Wie diese Grafik illustriert, hat diese Körperlänge (Lp90) im Laufe der letzten Jahre deutlich abgenommen.
1.15 > Durch die jahrzehntelange Fischerei haben sich in der Nordsee nach und nach Schollen durchgesetzt, die schon bei geringer Körpergröße geschlechtsreif werden. In mathematischen Modellen, die mit verschiedenen Wahrscheinlichkeiten (p) arbeiten, lässt sich dieser Zusammenhang anschaulich verdeutlichen. Dargestellt ist die Körperlänge (L) von 4-jährigen Schollen, die mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit (p90) in der kommenden Saison geschlechtsreif werden. Wie diese Grafik illustriert, hat diese Körperlänge (Lp90) im Laufe der letzten Jahre deutlich abgenommen. © nach Dieckmann et al. (2009)

Heute erreicht der Kabeljau im Nordost­atlantik bereits mit 6 bis 7 Jahren die Geschlechtsreife. Interessant ist, dass diese fischereiinduzierte Evolution innerhalb weniger Jahrzehnte stattgefunden hat. Einen Grund sehen die Experten darin, dass Fischerei einen deutlich höheren Druck ausübt als natürliche Selektionsfaktoren wie beispielsweise Räuber oder extreme Umweltbedingungen, etwa starke Wärme oder Kälte. Wie die Modellrechnungen weiter zeigen, dauert es Jahrhunderte, bis sich der Effekt der fischereiinduzierten Evolution wieder umkehrt – selbst wenn man die Fischerei stoppen würde. Möglicherweise sind die Effekte in der Praxis sogar unumkehrbar. In den vergangenen 10 Jahren wurde fischereiinduzierte Evolution für eine ganze Reihe von Arten nachgewiesen, zum Beispiel auch für die Nordseescholle. Die Fischerei bewirkt damit das Gegenteil von dem, was Tierzüchter für gewöhnlich beabsichtigen: Ein Tierzüchter wählt in der Regel die größten und produktivsten Tiere aus, um mit ihnen weiterzuzüchten. Durch die Fischerei hingegen werden gerade die alten und großen Tiere mit der höchsten Reproduktionsleistung getötet. >
1.16 > Seepferdchen gelten in Asien als Potenzmittel. Sie werden jedes Jahr zu Millionen gefangen, getrocknet, zu Pulver zermahlen und als wertvolle Zutat für Pulver, Pillen und Tinkturen verwendet.
1.16 > Seepferdchen gelten in Asien als Potenzmittel. Sie werden jedes Jahr zu Millionen gefangen, getrocknet, zu Pulver zermahlen und als wertvolle Zutat für Pulver, Pillen und Tinkturen verwendet. © Enrique Castro-Mendivil/Reuters
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