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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Gefährdete Arten

Bedrohte Vielfalt

> Die Fischerei hat viele Fischbestände so stark dezimiert, dass sich der Fang einiger Arten kommerziell nicht mehr lohnt. Dennoch werden die meisten Spezies dank ihrer enormen Reproduktionsfähigkeit überleben. Allerdings gibt es Ausnahmen. Manche Arten könnten tatsächlich durch den Menschen ausgerottet werden. Bedenklich ist auch, dass die Fischerei offenbar die Evolution beeinflusst. Kleine Fische setzen sich durch, große dagegen werden seltener.

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Sterben Fischarten aus?

Obwohl durch den industriellen Fischfang viele Bestände überfischt worden sind, sterben Fischarten in der Regel nicht aus. Die klassische Vorstellung, dass eine Art durch den Einfluss des Menschen ausgerottet wird wie der Laufvogel Dodo auf der Insel Mauritius, lässt sich auf die Fischerei nicht einfach übertragen. Das hat einen ökonomischen Grund: Lange bevor der letzte Fisch gefangen ist, wird die Fischerei unrentabel und in dem betroffenen Meeresgebiet beendet. Fachleute sprechen von kommerzieller Ausrottung. Manche Fischbestände wurden in der Vergangenheit um 50 bis 80 Prozent reduziert. Für viele terrestrische Tierarten würden solche Werte das Ende bedeuten; insbesondere für solche Arten, die nur sehr wenige Nachkommen zeugen. Sterben die wenigen Jungen durch Krankheit oder indem sie gefressen werden, kann eine solche Art tatsächlich gänzlich ausgelöscht werden. Nicht so bei den Fischen: Die Bestände erholen sich in der Regel wieder. Ein wesentlicher Grund für die Widerstandsfähigkeit der Fischbestände ist ihre hohe Reproduktionsleistung. So erzeugt ein Kabeljau pro Jahr bis zu 10 Millionen Eier. Hinzu kommt, dass sich eine Fischart meist aus mehreren Beständen zusammensetzt.
1.11 > Seit Jahren versuchen Tierschützer, den in deutschen Gewässern wieder heimisch zu machen. Ein Teil der ausgesetzten Tiere trägt eine gelbe Marke auf dem Rücken. Angler, die einen solchen Stör fangen, sind gebeten, die Zahlen der Marke den Tierschützern zu melden – und den Fisch wieder ins Wasser zu setzen.
1.11 > Seit Jahren versuchen Tierschützer, den in deutschen Gewässern wieder heimisch zu machen. Ein Teil der ausgesetzten Tiere trägt eine gelbe Marke auf dem Rücken. Angler, die einen solchen Stör fangen, sind gebeten, die Zahlen der Marke den Tierschützern zu melden – und den Fisch wieder ins Wasser zu setzen. © Jens Koehler/Imago
Außer Frage steht, dass die intensive Fischerei die Menge an Fisch, die Fischbiomasse, in vielen Meeresgebieten erheblich reduziert hat. Besonders betroffen sind die hohen trophischen Ebenen. Die großen Fische wurden und werden zuerst weggefischt. Auch hier kann jedoch vom biologischen Aussterben meist nicht die Rede sein. Um Aussagen über den Zustand einer Fischart machen zu können, müssen zunächst alle ihre Bestände abgeschätzt werden. Welche mathematischen und statistischen Modelle dafür am besten geeignet sind, wird seit einigen Jahren kontrovers diskutiert. Eine grobe Unterteilung hat die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) vorgenommen. Sie unterteilt die Fisch­bestände in überfischt, voll genutzt und gemäßigt genutzt. Nach Angaben der FAO gelten knapp 30 Prozent aller Fischbestände als überfischt. Die Arten werden in der Regel dennoch erhalten bleiben.

Traurige Ausnahmen

Allerdings gibt es Ausnahmen. Manche Thunfischarten bringen auf dem Markt so viel Geld ein, dass sich das Fischen selbst dann lohnt, wenn es davon nur noch wenige Exemplare gibt. Rund 500 Kilogramm kann ein Thunfisch wiegen. Bestimmte Thunfischarten wie etwa der Rote Thun (Thunnus thynnus), der im Atlantik lebt, können einen Kilopreis von gut 100 Dollar haben. In Japan werden sogar Hunderttausende Euro für die ersten oder die besten Thunfische der Saison gezahlt. Dort ist teurer Fisch ein Prestigeobjekt; außerdem gelten die ersten Thunfische der Saison als Glücksbringer, für die einige Kunden sehr viel Geld zahlen. Der Fang solch wertvoller Individuen lässt sich durchaus mit der Jagd nach Nashörnern an Land vergleichen. In den 1920er Jahren fand sich der Rote Thun noch regelmäßig als Beifang in den Netzen norwegischer Makrelenfischer. Heute ist die Art aus dem Kattegat und der Nordsee gänzlich verschwunden. Und im Atlantik gibt es den Roten Thun nur noch in sehr geringer Zahl.
1.12 > Um das Jahr 800 war der Europäische Stör in vielen Flüssen und fast allen Küstengebieten Europas beheimatet. Mittlerweile ist sein maritimes Verbreitungsgebiet auf den Bereich zwischen Nor- wegen und Frankreich geschrumpft. Das letzte Laichgebiet des Europäischen Störs ist die französische Gironde-Mündung
1.12 > Um das Jahr 800 war der Europäische Stör in vielen Flüssen und fast allen Küstengebieten Europas beheimatet. Mittlerweile ist sein maritimes Verbreitungsgebiet auf den Bereich zwischen Nor- wegen und Frankreich geschrumpft. Das letzte Laichgebiet des Europäischen Störs ist die französische Gironde-Mündung. © nach Holcˇik et al. (1989), Elie (1997) und Ludwig et al. (2002)
Andere Fischarten sind vom Aussterben bedroht, weil sie gleich mehrfach unter Druck stehen – etwa durch die Fischerei und die gleichzeitige Zerstörung des Lebensraums. Ein Beispiel ist der Europäische Stör (Acipenser sturio), der einst von Südspanien bis Osteuropa verbreitet war. Der Stör laicht in Flüssen und wächst im Meer zum geschlechtsreifen Tier heran. Wie der Lachs wandert der Europäische Stör zum Laichen zurück in die Flüsse. Einst bewohnte die Art die Eider, die Elbe und kleine norddeutsche Flüsse wie die Oste oder die Stör. Während der vergangenen hundert Jahre aber sind die Bestände stark zurückgegangen. Heute gibt es in Europa nur noch einen einzigen Bestand im südwestfranzösischen Gironde-Mündungsgebiet, der allerdings seit Jahren schrumpft.
1.13 > Der Dodo starb Ende des 17. Jahr- hunderts aus. Der ausschließlich auf  den Inseln Mauritius und La Réunion beheimatete, flugun- fähige Vogel bekam erst Feinde, als der Mensch dort eintraf. Eingeschleppte Ratten, Affen und Schweine rotteten die Art vollständig aus. © Image courtesy of Biodiversity Heritage Library 1.13 > Der Dodo starb Ende des 17. Jahrhunderts aus. Der ausschließlich auf den Inseln Mauritius und La Réunion beheimatete, flugunfähige Vogel bekam erst Feinde, als der Mensch dort eintraf. Eingeschleppte Ratten, Affen und Schweine rotteten die Art vollständig aus.
Der Niedergang des Störs hat mehrere Ursachen: den Ausbau der Flüsse, die Errichtung von Staustufen, die Verschmutzung des Wassers und die Fischerei. Heute sind die verbliebenen Tiere vor allem dadurch bedroht, dass sie als Beifang versehentlich ins Netz gehen. Auf der Roten Liste der Internationalen Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (International Union for Conservation of Nature, IUCN) wird der Europäische Stör als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Seit einigen Jahren setzt man daher auch Jungtiere in Flüssen aus, um die Art in verschiedenen Gebieten Europas, etwa in Deutschland, wieder heimisch zu machen. Zudem versucht man, die Tiere zum Laichen in den alten Heimatgewässern zu bewegen, indem man Flussabschnitte renaturiert oder Fischtreppen in Staustufen einbaut. Ob sich der Europäische Stör dadurch retten lässt, ist allerdings offen. Auch manche Seepferdchenarten sind mehrfach bedroht – etwa durch die Zerstörung ihrer Lebensräume, wie zum Beispiel der Mangroven, und durch Meeresverschmutzung. Zudem gibt es eine große Nachfrage nach ihnen. Man fischt sie aus Korallenriffen, Mangroven oder Seegraswiesen ab, um sie als traditionelle Medizin auf chinesischen Märkten und als Zierfisch in der Aquaristik zu verkaufen. Zwar gibt es beispielsweise in Vietnam Zuchtprogramme, dennoch gelten gemäß der Roten Liste der IUCN 7 von 38 Seepferdchenarten weltweit als „gefährdet“, eine sogar als „stark gefährdet“. Betroffen sind vor allem jene Arten, die nur in relativ eng begrenzten Meeresgebieten vorkommen, sogenannte endemische Arten. Beispiele wie diese zeigen, dass der Mensch die Fischressourcen künftig schonender nutzen und besser schützen muss. Dennoch bleibt es dabei: Für den Großteil der Fischarten weltweit kann vom Aussterben nicht die Rede sein. Die IUCN-Liste wurde ursprünglich für Landlebewesen entwickelt. Diese sind im Allgemeinen nicht so reproduktiv wie die Fische. Insofern, sagen Kritiker, wird im IUCN-Regelwerk das Risiko des Aussterbens für viele kommerziell genutzte Fischarten überschätzt. >
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