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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Grundlagen

Fischen am Limit

> Die Größe von Fischbeständen kann von Jahr zu Jahr stark schwanken. Fangmengen so festzulegen, dass die Bestände nachhaltig befischt werden, ist deshalb eine Herausforderung. Zwar gab es bereits gute wissenschaftliche Ansätze, doch wurden diese von der Fischereipolitik nicht umgesetzt. Mit einem neuen Fischereimanagement soll sich jetzt endlich weltweit eine Fischerei durchsetzen, die auf Dauer nachhaltig ist.

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Vom Kommen und Gehen der Fische

Fischbestände wachsen und schrumpfen, ganz gleich, ob sie befischt werden oder nicht. Dieses natürliche Phänomen ist seit Jahrhunderten bekannt. Für viele Menschen war es eine Katastrophe, wenn die Fischbestände abnahmen – zum Beispiel in der armen Region Søndmør an der kargen norwegischen Westküste. Als dort der Kabeljau in den Jahren 1714 und 1715 ausblieb, mussten die Fischer, um nicht zu verhungern, ihre wichtigste Habe verkaufen – ihre Boote. Lange war es unklar, wodurch diese Schwankungen der Fischbestände ausgelöst werden. Viele Fischer und Wissenschaftler glaubten, dass die Fische in manchen Jahren einfach in andere Meeresregionen abwanderten. Schließlich legte der norwegische Fischerei­biologe Johan Hjort im Jahr 1914 eine umfassende statis­tische Untersuchung von Daten vor, die er auf zahlreichen Forschungsreisen gesammelt hatte. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse lautete: Es hängt vor allem von der Umwelt ab, wie viele Fische und wie viel Nachwuchs es in bestimmten Jahren gibt – unter anderem vom Salzgehalt und der Temperatur des Wassers. Hjorts Arbeit liegt fast 100 Jahre zurück. Seitdem ist das Wissen über das Anwachsen und Schrumpfen vieler Fischbestände enorm gestiegen. Man weiß heute, dass es viele Faktoren gibt, die die natürliche Bestandsentwicklung beeinflussen. Wie alles im Detail zusammenwirkt, hat man aber noch immer nicht restlos verstanden. Zu den wichtigsten natürlichen Einflussgrößen zählen die belebte Umwelt mit den Wechselwirkungen zwischen den Arten, aber auch die unbelebte Umwelt, insbesondere Salz- und Sauerstoffgehalt, Temperatur und die Wasserqualität. Letztere werden auch durch langfristige Klimaschwankungen verändert, was das Verstehen der Bestands­entwicklungen zusätzlich erschwert. Selbstverständlich beeinflusst nicht nur die Natur die Größe von Fischbeständen, sondern auch der Mensch durch den Fischfang. Der Zustand eines befischten Bestands lässt sich durch folgende 3 Größen beschreiben:

Zusatzinfo Wenn es dem Nachwuchs zu eng wird

DIE BIOMASSE (B) ist die Gesamtheit aller großen und kleinen, jungen und alten Fische eines Bestands. Sie wird anhand von Fangdaten der Fischerei und wissenschaft­lichen Probefängen mithilfe mathematischer Modelle ab­geschätzt und in Tonnen angegeben. Schon dieses mathematische Abschätzen ist mit einigen Unsicherheiten behaftet. Zudem kann die Biomasse von Jahr zu Jahr stark schwanken. Von besonderer Bedeutung ist die Zahl der geschlechtsreifen Tiere, der Laicher, weil von ihnen abhängt, wie viel Nachwuchs produziert wird. Diese Zahl wird als Laicherbiomasse bezeichnet und ebenfalls in Tonnen angegeben. Die Laicherbiomasse ist für Fischerei­wissenschaftler von besonderer Bedeutung, weil sie daraus wichtige Orientierungswerte, sogenannte Referenzpunkte, für das Fischereimanagement ableiten. Die Gesamtbiomasse eines Bestands setzt sich aus der Laicher­biomasse und der Biomasse der noch nicht geschlechtsreifen Tiere zusammen.
DIE FISCHEREILICHE STERBLICHKEIT (F) ist ein etwas abstraktes Maß für den Fischereidruck. Sie kann umgerechnet werden in einen relativen Wert, der angibt, welcher Anteil der Bestandsbiomasse durch die Fischerei entnommen wird.
DIE PRODUKTIVITÄT eines Bestands ergibt sich, indem man vom Massenzuwachs des Bestands aufgrund von Nachwuchs und natürlichem Größenwachstum der Fische die natürlich gestorbenen Tiere abzieht. Aus diesem Zusammenhang wird klar, dass die Produktivität eines Bestands wesentlich von der Laicherbiomasse abhängt. Auch lässt sich nachvollziehen, dass der Bestand schrumpft, wenn die natürliche Sterblichkeit und die fischereiliche Sterblichkeit zusammen größer sind als die Produktivität.
5.2 > Karges Land, arme Fischer: In der westnorwegischen Region Søndmør hing das Wohl der Men- schen lange Zeit fast ausschließlich vom Fischfang und vor allem der Entwicklung der Fischbestände ab.
5.2 > Karges Land, arme Fischer: In der westnorwegischen Region Søndmør hing das Wohl der Men- schen lange Zeit fast ausschließlich vom Fischfang und vor allem der Entwicklung der Fischbestände ab. © National Library of Norway/Foter/CC BY

Zusatzinfo Wann wird der Fisch zum Fisch?

Die Nachwuchsproduktion eines Fischbestands ist begrenzt. Ist die Laicherbiomasse groß, stößt der Lebensraum irgendwann an seine maximale Tragfähigkeit. Selbst wenn die Laicherbiomasse dann noch zunimmt, verharrt die Zahl der Jungfische auf einem bestimmten Niveau. Die Menge des Nachwuchses ist dann nur noch von den Umweltbedingungen abhängig. Dafür gibt es mehrere Gründe – Eier und Larven werden zum einen von Räubern gefressen, zum anderen verhungern sie, weil nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Außerdem kann es bereits bei der Eiablage Konkurrenz um geeignete Laichplätze geben. Der Ostseehering etwa klebt seine Eier auf Wasserpflanzen. Gibt es zu viele Laicher, kleben die Tiere die Eier übereinander. Die unteren sterben aufgrund von Sauerstoffmangel. Da diese Bedingungen von Jahr zu Jahr schwanken können, schwankt auch die Zahl der Nachkommen bei hohen Laicherbeständen. Es kann star­ke, aber auch sehr schwache Nachwuchsjahrgänge geben. Befischt man einen Bestand zu stark, kann Folgendes passieren: Die Laicherbiomasse ist irgendwann so klein, dass nur noch wenig Nachwuchs produziert werden kann. In einem solchen Fall ist die Nachwuchsmenge direkt von der Menge der Laicher abhängig. Sie kann die Tragfähigkeitsgrenze nicht einmal mehr bei vorteilhaften Umweltbedingungen erreichen. Der Wert, bei dem die Laicherbiomasse derart klein ist, heißt Limitbiomasse (BLIM). Die entsprechende fischereiliche Sterblichkeit bezeichnet man als FLIM.

Das Scheitern des Vorsorgeansatzes

Mit der massiven Überfischung vieler Bestände in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren durch die industriell betriebene Fischerei wurde deutlich, wie wichtig es ist, die Fangmengen zu begrenzen. 1995 entschied sich die Staatengemeinschaft mit der Fischbestandsvereinbarung der Vereinten Nationen (United Nations Straddling Fish Stocks Agreement, UNFSA), künftig mit mehr Bedacht zu fischen. Im selben Jahr veröffentlichte die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) einen Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Fischerei (Code of Conduct for Responsible Fisheries). Das vorrangige Ziel dieses sogenannten Vorsorgeansatzes (Precautionary Approach, PA) ist es, zu verhindern, dass ein Bestand so stark reduziert wird, dass er nicht mehr genügend Nachkommen produzieren kann und überfischt wird. Außerdem sollte die Fischerei auf Nummer sicher gehen: Je weniger man über den Bestand und seine Entwicklung weiß, desto vorsichtiger sollte der Bestand bewirtschaftet werden und desto weniger kann man fischen. Mit dem Vorsorgeansatz soll also in erster Linie Gefahr von der Ressource Fisch abgewendet werden. Deshalb wurden für viele kommerziell genutzte Fischarten Grenzwerte festgelegt, um zu verhindern, dass die fischereiliche Sterblichkeit zu hoch ist und die Biomasse eines Bestands dadurch zu stark abnimmt. Für die Bestände in Gewässern der Europäischen Union zum Beispiel bestimmt der EU-Ministerrat in jedem Jahr eine Höchstfangmenge (total allowable catch, TAC) und legt damit fest, wie viele Tonnen einer Fischart in einem Gebiet in diesem Jahr gefangen werden dürfen. Beim Vorsorgeansatz wird auch die Dynamik der Bestände berücksichtigt, denn die Größe eines Bestands ändert sich ja mit den Umweltbedingungen. Ist zum Beispiel wenig Nahrung vorhanden, sinkt die Produktivität des Bestands. Die Biomasse schrumpft. Ist viel Nahrung da, erhöht sich die Produktivität. Der Bestand wächst. Die Fischerei muss solche Bestandsschwankungen berücksichtigen. Sie darf nicht stets die gleiche Menge Fisch fangen, sondern muss die Fangmenge anpassen. Diese Anpassung sollte durch mehrere Orientierungs- und Grenzwerte erreicht werden, die bis heute für eine Fischerei gemäß Vorsorgeansatz genutzt werden:

Zusatzinfo Richtwerte gegen den Raubbau

BIOMASSE GEMÄSS VORSORGEANSATZ (BPA , Biomasse Precautionary Approach): Es ist schwierig, den Zustand eines Bestands vorherzusagen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind die aktuellen Fischerei- und Forschungsdaten, mit denen man die Bestandsberechnungen durchführt, unsicher. Zum anderen hat jedes mathematische Analyseprogramm Unschärfen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Deshalb ist die Limitbiomasse (BLIM) als Grenzwert zu riskant. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Biomasse in einem Jahr tatsächlich unter diesen Wert fällt und das Wachstum des Bestands gefährdet ist. Gemäß dem Vorsorgeansatz wurde deshalb entschieden, einen Grenzwert festzulegen, der diese Unsicherheiten berücksichtigt. Dieser Grenzwert wird Biomasse gemäß Vorsorge­ansatz genannt, BPA (Biomasse Precautionary Approach). Er soll garantieren, dass die BLIM-Schwelle nicht versehentlich unterschritten wird; der Bereich zwischen BLIM und BPA ist also sozusagen eine Pufferzone. Er ist bis heute bei vielen Beständen der wichtigste Orientierungspunkt, um die Gesundheit eines Be-stands zu ermitteln.

Zusatzinfo Der MSY – stark kritisiert und doch bewährt

Fischereiliche Sterblichkeit gemäß Vorsorgeansatz (FPA): Da die Biomasse grundsätzlich eine unsichere und veränderliche Größe ist und nicht direkt durch menschliches Handeln beeinflusst werden kann, ist es für die Fischerei im Alltag wenig praktikabel, einen Grenzwert festzulegen, der nur die Biomasse als Vorgabe berücksichtigt. Deshalb gibt es einen zusätzlichen Grenzwert, der aus dem BPA abgeleitet wird: den FPA. Dieser gibt an, wie hoch die fischereiliche Sterblichkeit höchstens sein darf, damit BPA nicht unterschritten wird. Mithilfe des FPA berechnen die Wissenschaftler dann die jährlichen Höchstfangmengen in Tonnen für die nächste Saison. Das ist allerdings nur dann möglich, wenn man weiß, wie es dem Bestand aktuell geht. Dazu benutzen die Forscher zum einen Fangdaten vergangener Jahre, die Aufschluss über die langfristige Entwicklung des Bestands geben. Hinzu kommen aktuelle Fangdaten aus der laufenden Fangsaison sowie Daten aus Fängen, die mit Forschungsschiffen durchgeführt werden. Schließlich müssen für das laufende Jahr, für das noch keine Fischereidaten vorliegen, Annahmen getroffen werden. Mithilfe mathematischer Modelle wird daraus der Zustand eines Bestands für die nächste Fangsaison abgeschätzt und dann daraus Fangmengenempfehlungen für die Fischer. Wenn diese maximalen Fangmengen in Tonnen eingehalten werden, ist sichergestellt, dass nicht über FPA hinaus gefischt wird. >
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