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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Fischereimanagement

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Schonend fischen mit Elektronetz und LED-Lämpchen

Je nach Fischart oder Lebensraum werden verschiedene Fanggeräte eingesetzt. Fische, die am Meeresboden leben, werden mit Grundschleppnetzen gefangen, Fische im freien Wasser mit sogenannten pelagischen Netzen. Für den Thunfischfang wiederum setzt man häufig Langleinen ein, Stahlseile, an denen Hunderte dünner Leinen mit Haken hängen. Einige dieser Fangmethoden haben erhebliche Nachteile. Ein Beispiel ist die klassische Baumkurre, ein Netz, das über den Meeresboden gezogen wird. Daran sind Eisenketten befestigt, die Plattfische aufscheuchen und ins Netz treiben. Die Baumkurre ist stark umstritten, weil sie den Meeresboden durchpflügt und zahlreiche Bodenlebewesen tötet. Die Langleinen wiederum sind dafür bekannt, dass auch Delfine und Meeresschildkröten mitgefangen werden, wenn diese nach den Ködern an den Haken schnappen. Zudem verfangen sich häufig Meeresvögel wie etwa Albatrosse. Sie stürzen sich auf die Köder, wenn die Leine gerade vom Schiff ins Wasser gelassen wird und noch für kurze Zeit nahe der Wasseroberfläche treibt. In den vergangenen Jahren wurden deshalb alternative und schonende Fangmethoden entwickelt:
  • die Snurrewade, ein spezielles Schleppnetz. Herkömmliche Schleppnetze werden mit Gewichten beschwert. Dadurch können andere Meerestiere getötet oder empfindliche Bodenlebensräume zerstört werden. Bei der Snurrewade wird der Bodenkontakt dank einer speziellen Geometrie (Diamantform) minimiert;
  • pelagische Schleppnetze mit Fluchtöffnungen für Meeresschildkröten;
  • Langleinen mit zusätzlichen Bleigewichten, die die Leinen schnell in die Tiefe und aus dem Bereich von Meeresvögeln ziehen;
  • unkonventionell geformte Haken für Langleinen, an denen sich der Schildkrötenschnabel nicht verfängt;
  • elektrische Fischnetze, die zum Beispiel Plattfische nicht mit schweren Ketten, sondern durch schwache Elektroimpulse auf- und ins Netz scheuchen;
  • Stellnetze mit Lichtmarkierungen (LED-Leuchten oder Leuchtstäbchen), die Meeresschildkröten abschrecken oder auf das Netz aufmerksam machen.
5.13 > Verschiedene Fischereimethoden und ihre Auswirkun-gen auf die Umwelt

Stellnetze Stellnetze werden an einer Position im Wasser verankert. Weil in ausgesuchten Gebieten gefischt wird, ist der Beifang anderer Fischarten gering. Allerdings verfangen sich Schildkröten, Säugetiere oder Seevögel. © maribus

RingwadenNetze RingwadenNetze werden kreisförmig um einen Schwarm gelegt und dann zusammengezogen. Der Beifang anderer Fischarten ist gering, da gezielt Fischschwärme einer Art befischt werden. Allerdings werden oftmals Delfine oder Schildkröten mitgefangen. Moderne Ringwaden haben Fluchtöffnungen. © maribus

Pelagische Schleppnetze Pelagische Schleppnetze werden wie Trichter von 1 oder 2 Schiffen geschleppt. Die Fische werden wie mit dem Kescher gefangen und sammeln sich am Ende des Netzes in einer Tasche. In bestimmten Gebieten werden andere Fischarten als Beifang gefischt. © maribus

Grundschleppnetze Grundschleppnetze funktionieren wie pelagische Netze, werden aber direkt über den Boden gezogen. Sie sind eine der wichtigsten Methoden der Hochseefischerei. Die Netze können Unterwasserlebensräume wie etwa Kaltwasserkorallenriffe beschädigen. © maribus

Baumkurren Baumkurren sind beutelartige Grundschleppnetze, die an einem schweren Metallgestänge über den Meeresboden geschleift werden. Viele auf und im Boden lebende Tiere werden dadurch getötet. © maribus

Langleinen Langleinen bestehen aus einer bis zu 100 Kilometer langen Mutterleine, an der kurze Nebenleinen mit Tausenden Haken und Ködern befestigt werden. Problematisch ist der Beifang. An den Haken bleiben Delfine, Haie, Schildkröten und Seevögel hängen. © maribus
Seit einigen Jahren wird die Entwicklung schonender Fangtechnologien mit der Initiative „Smart Gear“ von einer internationalen Umweltschutzorganisation gefördert. Bemerkenswert ist, dass sich daran nicht nur Forscher oder Ingenieure, sondern auch professionelle Fischer beteiligen. Die vielfältigen Lösungen geben Grund zur Hoffnung, dass sich eine schonende Fischerei durchsetzen kann. Was die Baumkurrenfischerei betrifft, sind viele Fischer vor allem in Nordeuropa inzwischen aus einem pragmatischen Grund auf alternative Fangmethoden umgestiegen. Angesichts steigender Ölpreise rechnet es sich nicht mehr, die schweren Baumkurren über den Meeresboden zu ziehen. Vielerorts kommen jetzt leichtere Fanggeschirre wie Snurrewaden zum Einsatz. Grundsätzlich muss eine aufwandsbasierte Regulierung laufend an den Stand der Technik angepasst werden. Die immer effizientere Technik zur Ortung der Fische etwa macht es möglich, die gleiche Menge an Fisch in immer kürzerer Zeit aufzuspüren und zu fangen. Fachleute schätzen, dass die industrielle Fischerei jedes Jahr im Durchschnitt um 3 Prozent effizienter wird. Daher muss der Fischereiaufwand reduziert werden. Ein weitere Möglichkeit, Fischbestände zu schützen, ist, Meeresschutzgebiete auszuweisen. In diesen Gebieten dürfen Fischer gar nicht oder nur eingeschränkt fischen. So gibt es Gebiete, in denen beispielsweise Grundschleppnetzfischerei verboten ist, um die Lebensräume am Boden zu schützen. In anderen Fällen hat man Gebiete unter Schutz gestellt, in denen Fische laichen und der Nachwuchs heranwächst. Dieses Konzept ist aber nur dann erfolgreich, wenn man sehr genau weiß, in welchen Meeresabschnitten sich die Tiere aufhalten oder vermehren. Zudem muss ein Schutzgebiet die richtige Größe haben. Ist das Gebiet zu klein, wird der Bestand nicht ausreichend geschützt. Ist es zu groß, gehen den Fischern Fische verloren, die sie eigentlich fangen könnten, ohne den Bestand zu gefährden.

Nachhaltiger und ertragreicher Fischfang ist möglich

Dass ein gut organisiertes Fischereimanagement trotz vieler Schwierigkeiten funktionieren kann, zeigt sich in Alaska, Australien und Neuseeland. Die meisten Bestände in diesen Regionen werden nachhaltig befischt und befinden sich in einem guten Zustand. In vielen Fällen wurden dort TACs und ITQs festgelegt, die dem Konzept des maximalen nachhaltigen Ertrags (maximum sustainable yield, MSY) entsprechen: Fangmengen werden so festgelegt, dass sich auf Dauer die maximale Menge Fisch fangen lässt. In einigen Fischereien sind die Grenz- und Zielwerte für die jährliche Höchstfangmenge sogar noch strenger gefasst als nach dem MSY-Konzept. Folgende Gründe tragen zu einem erfolgreichen Fischereimanagement bei:
  • Fischerei und Politik halten sich an die Fangempfehlungen der Forscher sowie an Grenz- und Zielwerte.
  • Verschiedene Interessengruppen werden frühzeitig in den Managemen­tprozess eingebunden. Bei der Festlegung der Fangquoten ist die Expertise der Forscher maßgebend. Bei der Verteilung von Fangrechten, Maßnahmen zur Vermeidung von Beifang oder anderen Management­aspekten werden zudem neben den kommerziellen Fischereibetrieben Sportfischerverbände und Nichtregierungsorganisationen mit eingebunden.
  • Die Verantwortlichkeiten im Fischereimanagement sind klar verteilt und hierarchisch strukturiert. Die Fischerei in den internationalen Gewässern wird durch eine der Regionalen Organisationen für das Fischereimanagement (Regional Fisheries Management Organisation, RFMO) geregelt. Die Fischerei in der Ausschließlichen Wirtschaftszone wird von den Bundes­behörden organisiert, und die küstennahen Gewässer liegen in der Zuständigkeit der lokalen Behörden.
  • Im Einsatz sind staatliche Fischereibeobachter, deren Arbeitskosten von den Fischereibetrieben zu tragen sind. Dieses Geld kommt der Forschung zugute. Die Alaska-Seelachs-Fischerei beispielsweise wird zu 100 Prozent durch Beobachter an Bord kontrolliert. Zusätzlich werden Anlandungen in den Häfen mit Kameras überwacht.
  • Nicht nur einzelne Fischarten werden betrachtet, sondern es wird versucht, den Fischfang so zu steuern, dass das ganze Ökosystem geschont wird. Experten sprechen vom Ökosystemansatz. Dazu gehört unter anderem der Verzicht auf schweres Fanggeschirr, das den Meeresboden schädigen kann.
  • Die für das Management Verantwortlichen sind bereit, aus Fehlern anderer zu lernen, und richten ihre Maßnahmen von vornherein so aus, dass eine Überfischung vermieden wird. Das ist in Alaska und auch in Neuseeland der Fall, wo die industrielle Fischerei erst rund 20 Jahre alt ist.
Grundlage für die Fischerei in den USA ist insbesondere der Magnuson-Stevens Fishery Conservation and Management Act (Magnuson-Stevens-Fischerei­schutz­gesetz) aus dem Jahr 1976. Er wurde nach 2 Senatoren aus den Bundesstaaten Alaska und Washington benannt und im Lauf der Zeit mehrfach überarbeitet, zuletzt 2007. Die letzten Änderungen sehen für die USA insgesamt Maßnahmen vor, wie sie in Alaska zum Teil schon etabliert sind. So soll die Fischerei beispielsweise stärker nach Umweltschutzgesichtspunkten ausgerichtet werden und wichtige Fisch­lebens­räume schonen. Die Ziele sollen mithilfe regionaler Fischerei­managementpläne (Fishery Management Plans, FMPs) umgesetzt werden. Diese beinhalten ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Zwar gibt es in den USA zum Teil Widerstand gegen die strengen Regeln, doch sind diese gesetzlich verankert. Nichtregierungsorganisationen haben bei Verstößen die Möglichkeit zu klagen.

Für jeden Bestand das richtige Management

Welche Managementmaßnahme am besten geeignet ist, auf Dauer einen hohen Fischereiertrag zu generieren und zugleich die Fischbestände und die Meereslebens­räume zu schützen, hängt letztlich vom Fischbestand und der Situation vor Ort ab. In der industriell mit großen Schiffen betriebenen Fischerei, in der weltweit etwa 500 000 Fischer arbeiten, lässt sich der Fang theoretisch durch Beobachter an Bord überwachen – selbst wenn das kostspielig ist. In Ländern jedoch, in denen handwerkliche Fischerei mit Hunderten von kleinen Booten betrieben wird, wie zum Beispiel in Westafrika, können derartige Überwachungsmaßnahmen nicht funktionieren. Nach Schätzungen gibt es weltweit rund 12 Millionen handwerkliche Fischer. Es ist schlicht unmöglich, alle zu überprüfen. Dennoch gibt es vielversprechende Konzepte, um auch die Fänge der klein- und mittelständischen Küstenfischer zu erfassen. In Marokko etwa setzen die Behörden für die Überwachung der Küstenfischerei Automaten ein, die in den Häfen und/oder den Küstendörfern installiert werden. Die Fischer erhalten eine Chipkarte, mit der sie am Automaten ihre Abfahrts- und Ankunftszeiten registrieren. Damit haben die Behörden stets einen Überblick darüber, welche Fischer gerade auf dem Meer sind. Kommt ein Schiff nicht rechtzeitig in den Hafen zurück, können die Behörden präventiv Kontrollen anordnen. Zudem lässt sich der Fischereiaufwand mit diesem System recht genau abschätzen. Die Fänge werden beim Löschen des Schiffes von den Behörden registriert. Derzeit erfasst das System Boote von Fischkuttergröße. Vom kommenden Jahr an sollen auch kleinere Motorboote mit diesem System überwacht werden. Der Fang wird dann bei diesen kleinen Schiffen stichprobenartig kontrolliert werden. Fischer, die falsche Fangmengen angeben, werden nach der Schwere des Vergehens bestraft. In einigen Fällen könnte sogar das Boot zerstört werden.
5.14 > Fischerei ohne Beifang: An der Küste von Sri Lanka warten Stelzenfischer geduldig auf ihre Beute, die sie gezielt mit Angeln und Keschern aus dem Wasser holen.
5.14 > Fischerei ohne Beifang: An der Küste von Sri Lanka warten Stelzenfischer geduldig auf ihre Beute, die sie gezielt mit Angeln und Keschern aus dem Wasser holen. © Lakruwan Wanniarachchi/AFP/Getty Images

Mehr Eigenverantwortung für die Regionen

Eine Alternative zu zentralen Fischereimanagement­ansätzen sind territoriale Nutzungs­rechte in der Fischerei (territorial use rights in fisheries, TURFs). Dabei wird einzelnen Nutzern oder bestimmten Nutzergruppen wie etwa Genossenschaften langfristig das Recht zugestanden, ein räumlich begrenztes Meeresgebiet exklusiv zu nutzen. Fangmengen und Fangaufwand werden vom einzelnen Fischer oder der Nutzergruppe selbst festgelegt. Diese privatwirtschaftlich organisierte Selbstverwaltung kann zu einer erheblichen Senkung der staatlichen Regulierungs- und Kontrollausgaben führen. Zugleich haben die Nutzer ein Eigeninteresse daran, die Bestände nicht zu überfischen, denn nur so können sie ihr zukünftiges Einkommen sichern. Ein exklusives Nutzungsrecht für einen Bestand von Fischen oder anderen lebenden Meeresressourcen lässt sich aber nur für Arten definieren, die kaum wandern – wie zum Beispiel Krebstiere und Muscheln. Ein Beispiel für ein erfolgreiches Management mit TURFs ist die handwerkliche Küstenfischerei in Chile, die vor allem am Meeresboden lebende Arten befischt, besonders Seeigel und Austern. Dort zeigt sich, dass die Fischer darauf achten, nachhaltig zu fischen, wenn sie die Möglichkeit haben, die Erträge einer solch nachhaltigen Fischerei langfristig zu nutzen. Ähnliche Ansätze gibt es auch bei der Hummerfischerei in Kanada. Fachleute bezeichnen diesen Trend zu mehr Eigenverantwortung der Fischer als Co-Management. >
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