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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

EU-Politik

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5.19 > In Dänemark noch heute ein praktiziertes Handwerk: die Reusenfischerei. © R. Nagel/ WILDLIFE/picture alliance

5.19 > In Dänemark noch heute ein praktiziertes Handwerk: die Reusenfischerei.

Der Kampf gegen den Rückwurf

Die EU-Kommission macht in ihrem aktuellen GFP-Entwurf auch eine Reihe von Vorschlägen, mit denen das Problem des Rückwurfs von Fischen gelöst werden soll. Weltweit werden jedes Jahr viele Millionen Tonnen frisch gefangener Fische und Meerestiere wieder zurück ins Meer geworfen. Die meisten zurückgeworfenen Tiere sind bereits verendet. Dieser Rückwurf ist nicht nur eine enorme Verschwendung natürlicher Ressourcen. Da die Rückwürfe nicht systematisch erfasst werden, fehlen den Fischereiwissenschaftlern darüber hinaus wichtige Daten, um den wahren Zustand mancher Fischbestände besser einschätzen zu können. Bei der Seezungenfischerei in der Nordsee etwa werden sehr viele Schollen und andere Plattfische wie Klieschen als Beifang gefischt. Zum Teil macht der unerwünschte Beifang bis zu 70 Prozent des Fangs aus. Da viele Schollen zu klein sind, um legal angelandet werden zu dürfen, und die übrigen Plattfische als Speisefisch eher unbeliebt sind, landen die Tiere bis auf wenige große Exemplare wieder im Meer. Da der Rückwurf nicht erfasst wird, können Forscher den Zustand der übrigen Plattfischbestände außer Seezunge und Scholle derzeit kaum einschätzen.

Für Rückwürfe gibt es verschiedene Gründe:
  • Die Tiere, zum Beispiel Krebse, Seesterne oder kleine Fische wie Aalmuttern und Grundeln, lassen sich nicht vermarkten.
  • Die Fischer sortieren aus dem Fang nur die wert­vollsten Anteile heraus, also zum Beispiel die größten und schwersten Exemplare einer Fischart. Der Rest wird zurückgeworfen. Dieses High-Grading ist in der EU seit 2010 verboten, wird aber dennoch praktiziert.
  • Die Fische sind zu jung beziehungsweise zu klein. Solche sogenannten untermaßigen Fische dürfen nach den geltenden Regeln nicht angelandet werden.
  • Fische, für die der Fischer keine Quote besitzt oder seine Quote bereits ausgeschöpft hat, dürfen nicht angelandet werden. Dieses Problem tritt in gemischten Fischereien auf, bei denen verschiedene Fischarten, die eine ähnliche Größe haben und im selben Lebensraum vorkommen, im selben Netz landen. Ein Schellfischfischer darf zum Beispiel keinen Kabeljau anlanden, den er als Befang gefischt hat. Nach den derzeitigen Bestimmungen muss er den Kabeljau zurückwerfen.
Vor allem die in der bisherigen GFP manifestierten Anlandeverbote tragen dazu bei, dass der Rückwurf in der EU bis heute in großem Stil betrieben wird. Als eine Lösung schlägt die EU-Kommission vor, das alte System der Quotenverteilung zu verändern. Bis heute werden für viele Fischarten einzelne Quoten vergeben, obwohl diese ausschließlich in gemischten Fischereien gefangen werden. Zukünftig soll es möglich oder verpflichtend sein, zusätzlich Beifangquoten zu erwerben, beispielsweise für Kabeljau und Schellfisch. Diese Beifangquoten sollen flexibel und zügig vergeben werden, also nicht zwangsläufig für ein ganzes Jahr, sondern auch im Verlauf einer Fangsaison, je nach Zustand und Entwicklung der Fischbestände. Damit sollen Fischer dazu gedrängt werden, Beifänge unerwünschter Arten zu vermeiden – beispielsweise durch den Einsatz von besserem und selektiverem Fanggeschirr. Gelingt es ihnen nicht, die Beifänge entsprechend zu verringern, werden sie verpflichtet, die Beifangquote zu erwerben. Ein Fischer muss dann künftig für jede Art, die im Fanggebiet zu erwarten ist, eine eigene Quote vorweisen können. Dabei soll sich der Fischer bei einer gemischten Fischerei an jener Art orientieren, von der am wenigsten Tiere vorhanden sind. In der Nordsee ist beispielsweise der Schellfischbestand gut entwickelt, der des Kabeljaus hingegen weniger gut. Heute darf ein Fischer Schellfisch fangen, bis er seine Schellfischquote vollständig ausgeschöpft hat. Dabei geht unweigerlich Kabeljau mit ins Netz, der als Beifang weggeworfen werden muss. Besitzt der Fischer 2 Quoten, darf er sowohl Kabeljau als auch Schellfisch anlanden. Allerdings muss er den Fang beenden, sobald er seine Kabeljauquote abgefischt hat. Das aber bedeutet, dass er auch den Schellfischfang stoppen muss. So wird der Kabeljaubestand vor einer Überfischung bewahrt und der Rückwurf ausgeschlossen. Darüber hinaus sollen nach dem Willen der EU-Kommission zukünftig selektivere Fanggeschirre zum Einsatz kommen, denn auch durch eine verbesserte Fangtechnik lässt sich der Beifanganteil verringern. Ferner wird vorgeschlagen, den Beifang dadurch zu reduzieren, dass Fischer zu bestimmten Jahreszeiten bestimmte Meeresgebiete meiden, in denen sich Beifangarten in großer Zahl auf-halten. Diskutiert wird derzeit auch, ob auf den Schiffen in der EU künftig elektronische Erfassungssysteme mit Kameras eingesetzt werden sollen, um Rückwürfe zu verhindern. So ließe sich kontrollieren, ob oder welche Fische über Bord geworfen werden. Auch ein verstärkter Einsatz von Beobachtern ist denkbar. Für den Einsatz von Kameras spricht, dass diese erheblich billiger sind.
5.20 > Der Rückwurf von Beifang ist nicht nur in der EU, sondern weltweit ein Problem. Dieser mexikanische Garnelenfischer schippt für ihn wertlose Fische über Bord.
5.20 > Der Rückwurf von Beifang ist nicht nur in der EU, sondern weltweit ein Problem. Dieser mexikanische Garnelenfischer schippt für ihn wertlose Fische über Bord. © Naomi Blinick/Marine Photobank

Mehr Macht für die Fischer

Bislang ist die Fischereipolitik in der EU weitestgehend eine Top-down-Politik. Alle Regeln werden in Brüssel auf höchster Ebene beschlossen und müssen von allen Fischern gleichermaßen befolgt werden. Nationale oder gar regionale Ansätze für das Fischereimanagement gibt es bislang kaum. Damit sind Konflikte vorprogrammiert. Viele der teils widersprüchlichen Regeln, die in Brüssel beschlossen wurden, wurden von den Fischern als überzogen oder praxisfern betrachtet. Manche wurden ganz missachtet. Die Kommission schlägt vor, die Situation zu entschärfen, indem man die Fischer in das Fischereimanagement und die Entscheidungsprozesse stärker einbindet. Sie erhofft sich, dass die Regeln so eher akzeptiert werden. Wie sich die Fischereipolitik stärker regional ausrichten lässt, hat der Rat der EU-Fischereiminister in seinem Vorschlag zur GFP-Reform ausgeführt. Darin heißt es, dass sich die Mitgliedsstaaten eine Verlagerung von Entscheidungen auf regionale Ebenen vorstellen könnten. In den vergangenen Jahren wurden in den EU-Mitgliedsstaaten bereits sogenannte Regionale Beratungsgremien (Regional Advisory Councils, RACs) gebildet, wie zum Beispiel für die Ostsee oder die Arktis und Island. Diese haben Änderungsvorschläge für die GFP erarbeitet. In diesen Beratungsgremien sitzen zu zwei Dritteln Experten aus dem Fischereisektor und zu einem Drittel Experten aus anderen Interessengruppen wie Naturschutzorganisationen oder Ge­­werkschaften. Die RACs könnten zukünftig zusammen mit den nationalen Behörden das Fischereimanagement in einer Region gestalten und Vorschläge nach Brüssel senden. Widersprechen weder das EU-Parlament noch einzelne Länder, kann das vorgeschlagene Fischereimanagementkonzept in Kraft treten.

Ende offen

Welche der Reformvorschläge der EU-Kommission man umsetzt, wird sich im Jahr 2013 zeigen, wenn die neue GFP verabschiedet wird. Letztlich werden der EU-Minister­rat und das EU-Parlament darüber entscheiden, welche Vorschläge der EU-Kommission als Regeln und Vorgaben in der neuen GFP verankert werden. Es ist zu hoffen, dass es beiden gelingt, sich zu einer Fischereipolitik durchzuringen, die ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Tatsächlich gibt es Grund zur Hoffnung, dass sich genau das erreichen lässt: Mit der sogenannten Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie hat die Europäische Union 2002 den Schutz, die Erhaltung und die Wiederherstellung der Meeresumwelt bis zum Jahr 2020 für alle EU-Staaten zur Pflicht gemacht. Insofern ist auch der Minister­rat in der Pflicht, mit der neuen GFP nicht nur für eine nachhaltige Fischerei zu sorgen, die den Ertrag langfristig maximiert, sondern gleichzeitig auch den Einfluss der Fischerei auf die Meeresumwelt zu minimieren. Textende
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