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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Die illegale Fischerei

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Zu viele Schlupflöcher

Eine Bekämpfung der IUU-Fischerei auf See ist generell ausgesprochen teuer und aufwendig. Reiche Länder wie Norwegen leisten sich eine strenge Kontrolle der Hoheitsgewässer und setzen dafür zahlreiche Boote und viel Personal ein. Eine wirksame und unter Umständen güns­tigere Alternative sind strenge Kontrollen in den Häfen. In diesem Fall aber lässt sich die illegale Fischerei nur dann eindämmen, wenn alle Häfen kooperieren. In der Europäischen Union (EU) sind seit 2008 und 2009 Verordnungen in Kraft, die einheitlich vorschreiben, wie in EU-Häfen zu kontrollieren ist. Seitdem ist es für IUU-Fischer in der EU schwierig geworden, Häfen zu finden, wo sie ihre Ladung löschen können. Doch nach wie vor gibt es in anderen Regionen Häfen, in denen IUU-Fischer ihre schwarze Ware unbehelligt anlanden können. Auch hier gilt, dass vor allem Entwicklungsländer aufgrund mangelnder Kontrollen für den illegalen Warenumschlag besonders geeignet sind. Beispiele wie das der spanischen Trawler vor Spitzbergen zeigen jedoch, dass sich auch Fischer aus EU-Ländern aufgrund von Profitgier dazu verleiten lassen, illegale Fischerei zu betreiben. Die Tatsache, dass keineswegs jedes IUU-Schiff einen Hafen ansteuern muss, um die illegale Fracht sofort zu löschen, verschärft die Probleme noch zusätzlich. In vielen Fällen, insbesondere vor den Küsten Westafrikas, wird der Fisch auf See von den kleinen Fangschiffen auf größere Kühlschiffe umgeladen. Bei diesem sogenannten Transshipment werden die Fischer an Bord zugleich mit neuem Proviant und Treibstoff versorgt, sodass sie für viele Monate auf See bleiben können.
3.27 > Von der IUU-Fischerei sind die Fischgruppen und Meerestiere unterschiedlich stark betroffen. Wie eine Studie zeigt, waren im Zeitraum 2000 bis 2003 besonders am Boden lebende, demersale, Fische für IUU-Fischer interessant. Dargestellt ist der prozentuale Anteil im Vergleich zur legal gefangenen Fischmenge.
3.27 > Von der IUU-Fischerei sind die Fischgruppen und Meerestiere unterschiedlich stark betroffen. Wie eine Studie zeigt, waren im Zeitraum 2000 bis 2003 besonders am Boden lebende, demersale, Fische für IUU-Fischer interessant. Dargestellt ist der prozentuale Anteil im Vergleich zur legal gefangenen Fischmenge.   © nach Agnew et al. (2009)
Die westafrikanische Subregionale Fischereikommission (SRFC) kommt zu dem Schluss, dass manche IUU-Schiffe vor Westafrika 365 Tage im Jahr im Einsatz sind. Der Druck auf die Fischbestände ist somit enorm. Die Kühlschiffe laufen später Häfen in Ländern an, in denen sie ungestört bleiben, weil dort nur lax kontrolliert wird. Erleichtert wird die IUU-Fischerei auch durch das Ausflaggen in sogenannte Billigflaggenstaaten wie Belize, Liberia oder Panama. Dabei wird das Schiff nicht im Heimatland der Reederei registriert, sondern in einem anderen Staat mit einer weniger strengen Gesetzgebung oder nachlässigeren Kontrollen. Mit dem Wechsel in ein ausländisches Schiffsregister lassen sich auch restriktive arbeitsrechtliche Bestimmungen oder Mindestlöhne im Heimatland umgehen. Die Reedereien müssen dann weniger Heuer und Sozialabgaben für ihre Crews entrichten, als sie es zum Beispiel in einem deutschen Schifffahrtsregis­ter müssten. Außerdem ist die Fischereigesetzgebung in Billigflaggenländern in vielen Fällen äußerst lasch. Solche Staaten kontrollieren ihre Schiffe so gut wie gar nicht auf schwarz gefischte Fangmengen. Auch die Arbeitsbedingungen an Bord werden nachlässig überwacht und sind entsprechend schlecht. Für Niedriglöhne arbeiten die Fischer auf spartanisch eingerichteten Schiffen, die nur selten die aktuellen Sicherheitsstandards der Handelsschifffahrt erfüllen, die sogenannten SOLAS-Regeln (International Convention for the Safety of Life at Sea, Internationales Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See). Die Konvention schreibt genau vor, über welche Sicherheitsausrüstungen ein Schiff verfügen sollte.

Der Kampf gegen das illegale Fischen

Die IUU-Fischerei ist heute ein weltweites Problem. Die Fischmengen, die illegal gefangen werden, sind riesig. Dennoch scheint die schlimmste Phase überwunden zu sein. Am stärksten war die IUU-Fischerei Mitte der 1990er Jahre ausgeprägt. Seitdem hat sie, so die FAO, in diversen Meeresgebieten abgenommen, wozu auch eine bessere staatliche Kontrolle beigetragen hat. So wurde in Mauretanien mit Unterstützung durch deutsche Entwicklungshilfe eine Fischereiaufsicht aufgebaut, die Schiffe mit einem satellitengestützem Schiffsüberwachungssystem beobachtet. In anderen Nationen hat sich der Wille durchgesetzt, Gesetze und Vereinbarungen künftig konsequent zu achten. Ein Beispiel ist Polen. Viele Jahre lang hatten sich polnische Fischer nicht an die auf EU-Ebene vereinbarten Dorschquoten in der östlichen Ostsee gehalten und deutlich mehr Fisch gefangen als erlaubt. Die polnische Regierung duldete das. Mit dem Regierungswechsel im November 2007 hat sich das geändert. Polen hält heute die Quoten ein. Mit der Zunahme der Weltbevölkerung wird die Nachfrage nach Fisch sicherlich weiter steigen. Die IUU-Fischerei bleibt damit weiterhin attraktiv. Nur durch verschärfte Kontrollen wird sie sich eindämmen lassen. Dazu müssen die Kontrollen und Sanktionen international aufeinander abgestimmt und konsequent umgesetzt werden. Die FAO hat dazu 1995 den sogenannten Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Fischerei (Code of Conduct for Responsible Fisheries) verabschiedet. Rund 170 Mitgliedsländer haben ihm zugestimmt. Zwar ist der Verhaltenskodex freiwillig und rechtlich nicht bindend, dennoch haben inzwischen mehrere Länder einige dieser Vorschriften in nationales Recht umgesetzt – beispielsweise Australien, Malaysia, Namibia, Norwegen und Südafrika. Wie zu erwarten hat die IUU-Fischerei in diesen Regionen abgenommen.
3.28 > Eine bewaffnete Einheit der südkoreanischen Küstenwache bringt chinesische Fischer auf, die illegal vor Südkorea fischen. Nur wenige Länder können sich eine so schlagkräftige Fischeraufsicht leisten. © Dong-A Ilbo/AFP ImageForum/Getty Images

3.28 > Eine bewaffnete Einheit der südkoreanischen Küstenwache bringt chinesische Fischer auf, die illegal vor Südkorea fischen. Nur wenige Länder können sich eine so schlagkräftige Fischeraufsicht leisten.
Um die Anlandungen von illegal gefangenem Fisch in der EU zu unterbinden, wurden im Jahr 2008 die IUU-Verordnung 1005 und im Jahr 2009 die Kontrollverordnung 1224 verabschiedet. Diese schreiben genau vor, welche Schiffe in der EU Fisch anlanden dürfen, welche Dokumente sie dafür vorlegen müssen und wie die Ware kontrolliert werden muss. Das Ziel besteht darin, europaweit die IUU-Fischerei zu unterbinden und Schlupflöcher zu schließen. Demnach läuft der Löschvorgang in einem EU-Hafen heute folgendermaßen ab: A) Bevor das Schiff Fisch anlandet, muss es seine Ware melden. B) Legt das Schiff an, wird
  • die Fanglizenz kontrolliert. Diese beinhaltet unter anderem die Schiffs­betriebs­erlaubnis des Flaggenstaats und die Information darüber, wer berechtigt ist, das Schiff zu führen.
  • die Fangerlaubnis kontrolliert. Diese enthält im Detail Informationen darüber, welchen Fisch das Schiff wann, wo und in welcher Menge fangen darf.
  • das Fangzertifikat kontrolliert. Dieses listet Informationen über den Zeitpunkt und Ort des aktuellen Fangs im Laderaum auf.
  • das elektronische Logbuch kontrolliert. Dort muss der Schiffsführer täglich notieren, wann und wo er welche Menge Fisch gefangen hat.
Fehlt ein Dokument, darf das Schiff die Ladung nicht löschen. Es muss dann einen Hafen außerhalb der EU ansteuern. Das Löschen wird auch dann verweigert, wenn sich Diskrepanzen zwischen den Angaben im Fangzertifikat und den täglichen Einträgen im elektronischen Logbuch ergeben. In diesem Fall kann die Fischerei­aufsichts­behörde – in Deutschland ist dies die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung – Schiffsbeobachtungsdaten anfordern. Denn Fangschiffe müssen heute mit einem besonderen elektronischen Gerät, einer sogenannten Blue Box, ausgerüstet sein. Sie ist Bestandteil eines satelliten­gestützten Schiffsüberwachungssystems (Vessel Monitoring System, VMS). Diese Blue Box sendet in regelmäßigen Abständen ihre Positionsdaten an die jeweiligen lokalen Fischereiaufsichtsbehörden, in deren Hoheitsgebiet das Schiff gerade fängt. Hat sich das Schiff in einem Hoheits- oder Fanggebiet aufgehalten, wo es nicht fischen durfte, kann der Schiffsführer strafrechtlich belangt werden.
3.29 > Fischereischiffe müssen heute eine Blue Box an Bord haben, die Teil eines satellitengestützten Schiffsüberwachungssystems (Vessel Monitoring System, VMS) ist. Die Blue Box sendet regelmäßig die Position des Schiffs an Aufsichtsbehörden. Zusätzlich verfügen Schiffe über GPS-Sender, die die Position und Geschwindigkeit des Schiffs melden.
3.29 > Fischereischiffe müssen heute eine Blue Box an Bord haben, die Teil eines satellitengestützten Schiffsüberwachungssystems (Vessel Monitoring System, VMS) ist. Die Blue Box sendet regelmäßig die Position des Schiffs an Aufsichtsbehörden. Zusätzlich verfügen Schiffe über GPS-Sender, die die Position und Geschwindigkeit des Schiffs melden.  © maribus
Ein Staat, in dem der Fisch angelandet werden soll, kann die VMS-Daten im Verdachtsfall bei jenem Staat, in dessen Gebieten gefischt wurde, anfordern. Außerdem wird in jedem EU-Hafen der Löschvorgang beobachtet. Die Fischerei­aufsicht kontrolliert, wie viel gelöscht wird und aus welchen Arten sich der Fang zusammensetzt. Ab und zu werden Stichproben genommen. Zwischen der EU und den übrigen Staaten der Kommission für die Fischerei im Nordostatlantik (North East Atlantic Fisheries Commission, NEAFC), unter anderem Island und Norwegen, wurden entsprechende Maßnahmen beschlossen. Damit soll diese Region für IUU-Fischer nicht mehr erreichbar sein. Das Gleiche gilt für den Nordwestatlantik, die Häfen der USA, Kanadas und anderer Mitgliedsstaaten der Organisation für die Fischerei im Nordwestatlantik (Northwest Atlantic Fisheries Organization, NAFO) wie etwa Dänemark, Island und Norwegen. Das Beispiel Mauretanien zeigt, dass eine strenge Kontrolle auch in Entwicklungs­ländern möglich ist. Durch die Überwachung der Anlandungen in den Häfen und die Kontrolle der Schifffahrt durch ein VMS wurde die IUU-Fischerei dort weitgehend eliminiert. Die FAO macht sich seit Jahren für entsprechende strenge und einheitliche Kontrollen weltweit und eine enge Zusammenarbeit von Häfen stark. Einheitliche Maßnahmen der Hafenstaaten sollen es den IUU-Fischern schwer machen, einen Hafen zu finden, in dem sie ihre Ladung unbehelligt löschen können. Allerdings verdienen Häfen durch Gebühren. Diejenigen, die von vielen Schiffen angelaufen werden, verdienen viel Geld. Für manche Häfen ist das wichtiger als der Schutz von Fischbeständen. Zwar gibt es seit gut 3 Jahren eine internationale Mustervereinbarung, die auf Basis der FAO-Richtlinien entstanden ist, konkrete Maßnahmen zur Umsetzung weltweiter Maßnahmen aber gibt es bislang nicht. Ein weiterer Vorstoß gegen das illegale Fischen sind die schwarzen Listen, die von den RFMOs geführt werden. Dort sind Schiffe vermerkt, die schon einmal versucht haben, IUU-Fisch in einem RFMO-Hafen zu löschen. Hafen- und Fischerei­aufsichts­behörden rufen diese Listen regelmäßig ab. Dieses „name and shame“-Prinzip soll es IUU-Fischern noch schwerer machen, Häfen zu finden, die sie anzulaufen können. Aber auch in diesem Fall gilt, dass die Staaten kooperieren müssen, um die IUU-Fischerei zu bekämpfen. Solange es Schlupflöcher aufgrund mangelnder internationaler Abstimmung gibt, gibt es IUU-Fischerei. Textende
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