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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Organische Schadstoffe

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Vorkommen polyfluorierter Verbindungen

Polyfluorierte Verbindungen werden zwar schon seit etwa einem halben Jahrhundert industriell hergestellt. In der Umwelt lassen sie sich aber erst seit wenigen Jahren dank neuer chemisch-analytischer Methoden nachweisen. In der Natur kommen derartige polyfluorierte Verbindungen nach derzeitigem Kenntnisstand normalerweise nicht vor. Inzwischen aber lassen sie sich in Wasser, Boden, Luft und Lebewesen auf der ganzen Welt nachweisen – auch im Menschen. Zahlreiche Lebensmittel, menschliches Blut und Muttermilch sind bereits erheblich mit PFCs belastet. Vor allem die Verbreitung von PFOS ist gut untersucht. Die Substanz findet man in vergleichsweise hohen Konzentrationen weltweit in Fischen, Robben oder Seevögeln und vor allem in arktischen Eisbären als Endgliedern der Nahrungskette. Kanadischen und dänischen Berichten zufolge wurde in Leberproben von Eisbären aus Kanada, Alaska und Grönland in den vergangenen Jahrzehnten ein starker Anstieg der PFOS-Konzentration ermittelt. Im Vergleich zu anderen umweltrelevanten POPs, wie etwa den polychlorierten Biphenylen, weisen PFCs beachtlich hohe Werte auf. So lag die mittlere PFC-Konzentration laut schwedischen Untersuchungen an menschlichem Blut aus den Jahren 1994 bis 2000 20- bis 50-fach höher als die der polychlorierten Biphenyle und circa 300- bis 450-fach höher als die von Hexachlorbenzol, zwei klassischen organischen Schadstoffen, deren Gefährlichkeit seit Jahrzehnten bekannt ist.
4.8 > In den vergangenen Jahren haben die PFOS-Konzentrationen in den Lebern ostgrönländischer Eisbären deutlich zugenommen. Die Messwerte wurden aus tiefgefrorenen Leberproben gewonnen.
4.8 > In den vergangenen Jahren haben die PFOS-Konzentrationen in den Lebern ostgrönländischer Eisbären deutlich zugenommen. Die Messwerte wurden aus tiefgefrorenen Leberproben gewonnen. © maribus (nach Dietz et al., 2008)

Transportwege der polyfluorierten Verbindungen

Funde von PFCs und insbesondere PFOS in marinen Säugetieren, wie Robben oder Eisbären der Arktis, sowie im Blut der arktischen Bewohner, der Inuit, werfen die Frage auf, wie diese Stoffe ins Meer und sogar bis in die Arktis gelangen können. Zum einen gibt es zahlreiche diffuse Quellen – so lösen sich PFCs beim Gebrauch von den oben erwähnten Alltagsgegenständen ab, von Teppichböden, Outdoor-Bekleidung, Pfannen oder Fast-Food-Papier. Darüber hinaus aber werden größere Mengen PFCs in Deutschland über kommunale und industrielle Kläranlagen, die diese Verbindungen nicht gezielt zurückhalten können, in die Flüsse eingetragen. Von hier aus gelangen die polyfluorierten Verbindungen in die Nordsee. Anschließend können sie mit den Hauptströmungen der Nordsee und des Atlantischen Ozeans bis in die Arktis transportiert werden, wo sie von Kleinstlebewesen im Wasser aufgenommen und über die Nahrungskette in höheren Organismen und schließlich in den Organen von Eisbären oder Menschen angereichert werden. PFCs werden aber auch durch Luftmassenbewegungen in der Atmosphäre über weite Strecken transportiert. Zwar sind Verbindungen wie PFOS nicht flüchtig. Doch es entweichen flüchtige Vorläuferverbindungen aus den technischen Herstellungsprozessen in die Luft. In der Atmosphäre können diese chemischen Vorläufer dann durch physikalische und chemische Prozesse zu stabilen Endprodukten wie PFOS umgesetzt werden. Diese werden mit den Niederschlägen aus der Luft gewaschen und in gelöster Form oder an Staubpartikel gebunden ins Meerwasser eingetragen oder auf dem Festland oder dem Eis abgelagert. So können PFCs große Distanzen überwinden und weit entfernt vom Ort ihrer Herstellung oder Verwendung in der Umwelt nachgewiesen werden.
4.9 > PFCs können entweder in Gewässern oder in der Luft über große Entfernungen transportiert werden. So gelangen sie beispielsweise auf direktem Weg über Abwasser in die Flüsse und schließlich ins Meer. Sie können aber auch indirekt über die Atmosphäre transportiert werden. So entweichen beispielsweise flüchtige PFOS-Vorläufer in die Luft, werden hier zu PFOS umgewandelt und kommen in Niederschlägen oder im Staub an anderer Stelle wieder zurück auf die Erdoberfläche.
4.9 > PFCs können entweder in Gewässern oder in der Luft über große Entfernungen transportiert werden. So gelangen sie beispielsweise auf direktem Weg über Abwasser in die Flüsse und schließlich ins Meer. Sie können aber auch indirekt über die Atmosphäre transportiert werden. So entweichen beispielsweise flüchtige PFOS-Vorläufer in die Luft, werden hier zu PFOS umgewandelt und kommen in Niederschlägen oder im Staub an anderer Stelle wieder zurück auf die Erdoberfläche. © maribus

Schutz vor neuen Schadstoffen

Noch vor wenigen Dekaden kannte man PFCs gar nicht. Heute sind sie über den ganzen Globus verbreitet. Sie finden sich im Wasser, in der Luft, in den Lebewesen und auch in uns Menschen. Es ist abzusehen, dass sie Generationen überdauern werden. Diese Stoffgruppe zeigt beispielhaft, dass man offensichtlich nie sämtliche Auswirkungen neuer chemischer Produkte auf die Umwelt sowie deren Spätfolgen vorhersehen kann. So wird es auch in der Zukunft in der marinen Umwelt immer wieder Stoffe geben, die man anfänglich für unschädlich hält, deren unerwünschte Einflüsse aber erst nach einiger Zeit erkennbar werden. Immerhin gibt es mittlerweile zahlreiche Bemühungen, die weitere globale Verteilung von Schadstoffen einzugrenzen. So versucht man die Gefährlichkeit von Chemikalien heute durch Risikobewertungen zu ermitteln, bevor man diese in den Verkehr bringt. Zudem gibt es Selbstverzichtserklärungen der Produzenten oder gesetzliche Regelungen. Ein Anfang ist also gemacht. Textende
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