Suche
english
1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Organische Schadstoffe

Organische Schadstoffe in der Meeresumwelt

> Schon lange ist bekannt, dass sich bestimmte Gifte in der Natur und in Lebewesen anreichern. Gesundheitsschäden sind die Folge. Viele Substanzen wurden deshalb verboten. Doch tauchen in der Umwelt immer wieder neue giftige Stoffe auf, deren Gefahr man zunächst nicht erkannt hat. Ein aktuelles Beispiel sind die polyfluorierten Verbindungen. Bislang ist dieses Problem ungelöst.

Seite:

Die Kehrseite unseres Konsums

Chemische Produkte braucht jeder – als Kunststoff für das Computergehäuse, als Bodenbelag in der Sporthalle oder Gummisohle im Joggingschuh. Die Einsatzgebiete sind vielfältig und so wird heute in der Industrie eine Fülle verschiedener Chemikalien genutzt. Nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­wicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) sind weltweit etwa 100 000 unterschiedliche chemische Substanzen im Umlauf. Allein in Europa werden circa 10 000 Chemikalien jeweils in einer Größenordnung von mehr als zehn Tonnen pro Jahr produziert und vermarktet. Davon sind schätzungsweise 1 bis 3 Prozent problematisch. Zu diesen umweltrelevanten Schadstoffen zählen beispielsweise die bekannten Schwermetalle Blei und Quecksilber, die aus der Verbrennung von Heizöl, aus dem Bergbau oder aus industriellen Abgasen und Abwässern stammen. Eine andere problematische Stoffklasse sind die langlebigen organischen Schadstoffe, die sogenannten POPs (persistent organic pollutants).
4.6 > Tausende von an Hundestaupe verendeten Seehunden mussten in den Jahren 1988 und 2002 an deutschen Stränden eingesammelt und entsorgt werden.
4.6 > Tausende von an Hundestaupe verendeten Seehunden mussten in den Jahren 1988 und 2002 an deutschen Stränden eingesammelt und entsorgt werden. © www.deff.de

Langlebig und giftig – POPs

Entsprechend der Stockholm-Konvention, der sogenannten POPs-Konvention aus dem Jahre 2001, werden giftige und zugleich langlebige organische Schadstoffe als POPs bezeichnet. Dazu gehören Schädlingsbekämpfungsmittel wie DDT und Lindan, Industriechemikalien – wie zum Beispiel polychlorierte Biphenyle (PCB) – oder Nebenprodukte, die bei der industriellen Fertigung oder bei Verbrennungsprozessen entstehen, beispielsweise Dioxine. Da derartige Stoffe sehr stabil und somit nur schwer abbaubar sind, können sie über große Entfernungen transportiert werden und sich in der Umwelt anreichern. Problematisch ist, dass POPs im Fettgewebe oder in Organen von Lebewesen gespeichert werden. Dort können sie toxische Wirkungen entfalten. Sie greifen beispielsweise in den Hormonhaushalt ein, lösen Krebs aus, verändern das Erbgut oder schwächen das Immunsystem. Bei Meeressäugern sind verschiedene Auswirkungen von POPs untersucht worden. Bei Ringel- und Kegelrobben aus der Ostsee wurden Verengungen und Tumoren in der Gebärmutter festgestellt, die zu einer Abnahme der Geburtenrate führten. Weiterhin wurden Darmgeschwüre sowie eine Abnahme der Knochendichte und damit Veränderungen am Skelettsystem beobachtet. Bei Seehunden und Schweinswalen fand man Hinweise darauf, dass POPs das Immunsystem und das Hormonsystem schwächen. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch, ob diese Schadstoffe und die Schwächung des Immunsystems einen Einfluss auf die Ausbreitung von Epidemien haben – beispielsweise das Seehundsterben in der Nordsee in den Jahren 1988 und 2002, das vermutlich durch eine epidemieartige Verbreitung des Hundestaupe-Erregers ausgelöst wurde. Menschen nehmen POPs vor allem über die Nahrung und das Trinkwasser, aber auch über die Atmung (insbesondere durch Staubpartikel) und über die Hautoberfläche (durch direkten Kontakt mit der Chemikalie) auf. Lebewesen, die wie der Mensch oder Meeressäuger am Ende der Nahrungskette stehen, weisen in der Regel die höchsten Konzentrationen auf.
4.7 > Das Problem der Anreicherung von Giften in der marinen Nahrungskette ist lange bekannt. Wie dieser Prozess abläuft, lässt sich am Beispiel des klassischen Umweltgifts PCB (polychlorierte Biphenyle) zeigen.
4.7 > Das Problem der Anreicherung von Giften in der marinen Nahrungskette ist lange bekannt. Wie dieser Prozess abläuft, lässt sich am Beispiel des klassischen Umweltgifts PCB (polychlorierte Biphenyle) zeigen. © maribus (nach Böhlmann, 1991)

Ein neues Sorgenkind – polyfluorierte Verbindungen

Neben den oben erwähnten klassischen POPs wurden Ende der 1990er Jahre in der Umwelt weitere toxische und langlebige Verbindungen unnatürlichen Ursprungs entdeckt, die man aufgrund unzureichender technischer Analysemethoden zuvor nicht hatte nachweisen können. Dazu gehören die polyfluorierten Verbindungen (poly­fluori­­­nated compounds, PFCs). Polyfluorierte Verbindun­gen werden seit mehr als 50 Jahren in vielen Bereichen des täglichen Lebens genutzt. Sie werden vor allem als Fluorpolymere in der Textilindustrie, beispielsweise in der Herstellung atmungsaktiver Membranen für Outdoor-Jacken, verwendet und in der Papierindustrie zur Produktion von schmutz-, fett- und wasserabweisenden Papieren (beispielsweise Fast-Food-Verpackungen) genutzt. Auch bei der Imprägnierung von Möbeln, Teppichen und Bekleidung sowie als Antihaftbeschichtung von Kochgeschirr (beispielsweise Teflonpfannen) kommen sie zum Einsatz. Man nimmt an, dass im vergangenen Jahrzehnt insgesamt sechs Hersteller weltweit jährlich rund 4500 Tonnen PFCs erzeugten, eine – verglichen mit anderen Chemikalien – eher geringe Menge. Dennoch ist die Sub­stanzgruppe wegen ihrer umweltrelevanten Eigenschaften von Bedeutung, denn manche der PFCs reichern sich besonders stark in Organismen an. Derzeit kennt man mehr als 350 verschiedene polyfluorierte Verbindungen. Der bekannteste Vertreter dieser Substanzgruppe ist PFOS (Perfluoroctansulfonat). Aus Tierversuchen mit PFOS schließen Forscher, dass beim Menschen mit ernsten Gesundheitsschäden zu rechnen ist, wenn er wiederholt PFOS aufnimmt. Betroffen könnte unter anderem die Leber sein. Darüber hinaus ist PFOS möglicherweise krebserregend. Vermutet wird auch, dass es bei den Nachkommen zu Entwicklungsschäden führt. PFOS wurde deshalb kürzlich als erste polyfluorierte Verbindung als POP im Sinne des Stockholmer Übereinkommens eingestuft und damit in die Liste der besonders gefährlichen Chemikalien aufgenommen, die weltweit verboten werden sollen. >
Seite: