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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Öl

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4.16 > Mit einer Kette aus aufblasbaren Schwimmern versucht ein Spezialschiff Rohöl einzufangen, das der Öltanker „Sea Empress“ verloren hat, nachdem er 1996 vor der Küste von Wales auf Grund gelaufen war. Bei rauer See ist der Einsatz solcher Ölskimmer allerdings oft wirkungslos. Abb. 4.16: © David Woodfall/Getty Images 4.16 > Mit einer Kette aus aufblasbaren Schwimmern versucht ein Spezialschiff Rohöl einzufangen, das der Öltanker „Sea Empress“ verloren hat, nachdem er 1996 vor der Küste von Wales auf Grund gelaufen war. Bei rauer See ist der Einsatz solcher Ölskimmer allerdings oft wirkungslos.

Wie das Öl die Lebensräume schädigt

Da sich im Fall eines großen Ölunfalls meist nicht die gesamte Küste schützen lässt, müssen die Behörden bei der Ölbekämpfung Prioritäten setzen. Besonders schützenswert sind natürlich bestehende offizielle Schutzgebiete wie Nationalparks oder empfindliche Meeresgebiete. Bei der Bekämpfung der Ölverschmutzung haben sie in jedem Fall eine hohe Priorität. Meist sind aber selbst die Schutzgebiete zu groß, um sie in Gänze zu schützen. Hier können sogenannte Sensitivitätsabstufungen helfen, die beschreiben, wie empfindlich die verschiedenen Küstenabschnitte gegenüber Ölverschmutzungen sind. In Ausnahmefällen ist es sogar möglich, „Opfergebiete“ zu definieren – im Sinne des Naturschutzes weniger wichtige Bereiche, die gar nicht geschützt werden. Bei diesen Sensitivitätsabstufungen wird beispielsweise berücksichtigt, ob es sich um „energiereiche“ Küstenformationen wie etwa Fels- oder Sandküsten handelt, die direkt von der Brandung umspült werden, oder um vergleichsweise ruhige, „energiearme“ Gebiete, wie zum Beispiel das Wattenmeer, die durch Sandbänke oder vorgelagerte Inseln geschützt sind. Natürlich können auch innerhalb der hier beschriebenen großen Lebensräume weitere detaillierte Sensitivitätsabstufungen für die gezielte Ölbekämpfung vorgenommen werden.

Exponierte Fels- und Sandküsten: Als vergleichsweise wenig empfindlich werden exponierte Fels- und Sandküsten eingestuft, da sie durch Wellenschlag recht schnell von angeschwemmtem Öl gereinigt werden. Dennoch können schwere Ölunfälle die Zusammensetzung der Artengemeinschaften in diesen Lebensräumen für längere Zeit verändern. In solchen Fällen können die Bestände ehemals dominierender Arten wie zum Beispiel Krebs- und Weichtiere abnehmen. In Felsspalten, grobem Kies und in Muschelbänken kann sich das Öl durchaus mehrere Jahre lang halten.

Sandstrände: Im Fall der Sandstrände ist die Situation anders. Wie stark das Öl in den Boden eindringt und wie lange es dort verbleibt, hängt vor allem von der Gestalt des Strandes ab: Ein weitläufiger Strand mit wenig Brandung und verzweigten Prielsystemen beispielsweise ist wesentlich anfälliger als ein steiler, gleichförmiger Strand. Grobkörniges Sediment erleichtert das Eindringen des Öls, erschwert die Reinigung und erhöht die Gefahr von Folgeschäden durch wieder freikommendes Öl. Als besonders empfindlich werden Strandgebiete eingestuft, die von gefährdeten Arten wie etwa Schildkröten als Lebens- oder Reproduktionsraum genutzt werden.

Korallenriffe: Auch Korallenbestände reagieren offenbar empfindlich auf Ölverschmutzungen. Verschiedene Untersuchungen machen deutlich, dass sich geschädigte Korallenbestände nur langsam regenerieren. Ölverschmutzungen können zudem ganze Le­bens­gemeinschaften verändern. So können sich bei Ölverschmutzungen beispielsweise wenig empfindliche Algenarten ansiedeln, wo zuvor Korallen lebten. Kaum untersucht ist bisher, wie sich Ölunfälle auf die Beziehungen zwischen Korallen und den vielen mit ihnen assoziierten Arten auswirken. Die enge Verzahnung zahlreicher spezialisierter Arten und die hohe Bedeutung von Symbiosen innerhalb solcher Ökosys­teme lassen nach schweren Ölunfällen weitreichende Langzeitfolgen erwarten.

Mangroven: Mangroven zählen zu den Lebensräumen, die besonders empfindlich auf Ölverschmutzungen reagieren. Dort kann ein Ölunfall vor allem Bäume sowie die auf ihnen und im Sediment siedelnden empfindlichen Tiere stark schädigen – zum einen durch giftige Kohlenwasserstoffe, zum anderen durch die Abdeckung mit Öl und das Abschneiden von der Luft- und Frischwasserzufuhr. Die Regeneration der geschädigten Pflanzen- und Tierbestände ist ein langwieriger Prozess. Da in den Mangroven die schädlichen Kohlenwasserstoffe nur langsam aus dem Sediment freigesetzt werden, wird die Erholung des Lebensraums noch zusätzlich verzögert.

Weichböden und Platen: Als besonders empfindlich oder hoch sensitiv werden auch Küstenbereiche mit Weichböden und Platen (Sandbänken) wie etwa das Wattenmeer an der Nordseeküste eingestuft. Die in hoher Dichte auf und in dem Sediment lebenden Organismen dienen Fischen und Vögeln als Nahrungsgrundlage. Zwar dringt meist nur wenig Öl in die oft wassergesättigten feinen Poren schlickiger Böden ein. Diese sind aber in der Regel dicht von grabenden Tieren besiedelt, durch deren Gänge das Öl tiefer in den Boden sinkt. Andererseits trägt die als Bioturbation bezeichnete grabende Tätigkeit der Boden­organismen zum Ölabbau bei. Das Sediment wird umgewälzt. Tiefere Schichten werden belüftet und verölte Sedimente an die Oberfläche befördert. Dank der guten Sauerstoffversorgung wird das Öl dort schneller durch Bakterien abgebaut. Werden die Bodenlebewesen jedoch vom Öl getötet, stoppt die Bioturbation. Damit verbleibt das Öl länger im Boden und beeinträchtigt den Lebensraum langfristig.

Salzwiesen: Wie sich Öl auf die wirbellose Fauna von Salzwiesen wie etwa Insekten oder Würmer auswirkt, wurde bisher kaum untersucht. Die Vegetation allerdings kann durch Verölungen über lange Zeit geschädigt werden, was weitreichende Folgen für die in den Wiesen brütenden und rastenden Vögel mit sich bringt, die entweder ebenfalls verölt werden oder ihre Nahrungsgrundlage verlieren können. Zusammenfassend können folgende Regenerationszei-ten angenommen werden:
  • exponierte Fels- und Sandküsten: wenige Monate bis 5 Jahre;
  • geschützte Felsküsten und Korallenriffe: 2 bis mehr als 10 Jahre;
  • geschützte Weichböden, Salzwiesen und Mangroven: 2 bis mehr als 20 Jahre. >
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