Suche
english
1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Müll

Seite:

4.13 > Vom Müll im Meer sind auch die Laysanalbatrosse im Pazifik betroffen, die beim Fischen versehentlich Plastik­teile verschlucken. Fein säuberlich hat der Fotograf angespülte Abfälle arrangiert. Derartige Gegenstände findet man typischerweise im Magen der Albatrosse. Viele Vögel verenden daran. © Frans Lanting/Agentur Focus 4.13 > Vom Müll im Meer sind auch die Laysanalbatrosse im Pazifik betroffen, die beim Fischen versehentlich Plastik­teile verschlucken. Fein säuberlich hat der Fotograf angespülte Abfälle arrangiert. Derartige Gegenstände findet man typischerweise im Magen der Albatrosse. Viele Vögel verenden daran.

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung

Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, dass der Meeresmüll ein ernst zu nehmendes Problem ist. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (United Nations En­vi­ron­ment Programme, UNEP) bemüht sich daher, durch intensive Öffentlichkeitsarbeit auf die gefährliche Situation aufmerksam zu machen. Das Programm ist vor allen Dingen bemüht, die Lage auf regionaler Ebene in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Behörden zu verbessern. Dazu gehören Praktiken und Regelungen, die in Westeuropa zum Teil bereits selbstverständlich sind: Systeme für die Mülltrennung und das Recycling sowie Flaschenpfand. So zeigen diverse Müll­erfassungen deutlich, dass der Abfall in der Nordsee weniger vom Land als vielmehr vom Schiffsverkehr stammt. In vielen Staaten ist die Situation anders. Hier wird Müll oftmals unachtsam in die Umwelt entsorgt und früher oder später ins Meer gespült. Der Schiffsverkehr spielt dort eine eher kleine Rolle. Daher weist das UNEP nachdrücklich auf die Bedeutung effizienter Müllmanagement­systeme hin. Darüber hinaus unterstützt das UNEP medienwirksame Müllsammelaktionen, wie etwa das jährliche International Coastal Cleanup (ICC), die Internationale Küstensäuberung. Weltweit sammeln Ehrenamtliche und vor allem Kinder und Jugendliche den Müll an Stränden und Ufern auf. Das Ziel ist, vor allem bei jungen Menschen ein Bewusstsein für das globale Meeresmüllproblem zu schaffen. Allein im Jahr 2009 beteiligten sich am ICC immerhin rund 500 000 Menschen aus knapp 100 Nationen. Bevor man den gesammelten Abfall an Land entsorgt, wird jedes Einzelteil protokolliert. Zwar werden die Daten von Laien erfasst und sind damit durchaus fehlerbehaftet. Dennoch liefert der International Coastal Cleanup alljährlich einen recht detaillierten Eindruck des Müllstatus weltweit. Überhaupt ist die Erfassung von Abfällen im Meer, das regelmäßige Monitoring, ein wichtiges Werkzeug, um abschätzen zu können, wie sich die Situation entwickelt. In verschiedenen Regionen der Welt werden die Müllfunde an der Küste bereits seit vielen Jahren von geschulten Personen protokolliert. Für den Bereich des Nordost­atlantiks etwa gibt es bereits seit zehn Jahren einheitliche Erfas­­sungsstandards, die die Mitgliedsländer der Oslo-Paris-Konvention (OSPAR) zum Schutz der Meeresumwelt vereinbart haben. Demnach wird drei- bis viermal jährlich an rund 50 verschiedenen Orten am Nordostatlantik ein je 100 Meter breiter Küstenstreifen abgesucht. Die Erkenntnis, dass der Müll in der Nordsee vor allem aus der Schifffahrt stammt, ist diesem Monitoring zu verdanken.

Vereinbarungen mit geringer Schlagkraft

Seit einigen Jahren versucht man die Müllflut mit internationalen Vereinbarungen einzudämmen. Dazu zählt unter anderem das Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung (MARPOL 73/78). In An­­hang V schreibt es der Schifffahrt seit 1988 vor, welche Abfälle an Bord gesammelt werden müssen. Laut MARPOL dürfen beispielsweise Speisereste nur außerhalb der 12-Seemeilen-Zone entsorgt werden. Plastikmüll darf nicht über Bord geworfen werden. Die EU-Richtlinie über Ha­­fenauffangeinrichtungen für Schiffsabfälle und Ladungsrückstände wiederum schreibt Schiffen vor, Abfälle im Hafen zu entsorgen. Häfen sind verpflichtet, dafür adäquate Müllsammelstellen einzurichten. Die Schiffseigner müs­sen sich über eine Gebühr an den Kosten beteiligen. Entsorgt ein Schiffsführer die Abfälle nicht, können die Hafenbehörden den nächsten Zielhafen des Schiffs informieren, wo dann eine Überprüfung des Schiffs angeordnet werden kann. Kritiker bemängeln, dass die Überprüfung der Schiffe und die Kommunikation zwischen den Häfen nicht ausreichend ist. Die Tatsache, dass die Müllmengen an der Nordseeküste bislang nicht abgenommen haben, spricht ebenfalls dafür, dass die internationalen Vereinbarungen nicht schlagkräftig genug sind. Anhang V des MARPOL-Übereinkommens wird daher überarbeitet. Gegen die Müllmengen, die von Land ins Meer gelangen, können die Vereinbarungen ohnehin nichts ausrichten. Besserung erhofft man sich von der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, mit der die EU den Meeresumweltschutz bis zum Jahr 2020 verbessern will. Neben Aspekten wie der Meeresverschmutzung durch Schadstoffe oder der Lärmbelastung von Meeressäugern behandelt die Richtlinie auch das Thema Müll. Bis zum Jahr 2012 wird die momentane Situation analysiert, bis 2015 soll ein Maßnahmenkatalog verabschiedet werden. 2020 sollen dann alle Maßnahmen umgesetzt sein.

Der künftige Kampf gegen den Müll

Experten sind sich darin einig, dass man die Vermüllung der Meere nur stoppen kann, wenn man den Eintrag von Land eindämmt. Im Sinne des UNEP werden viele Staaten dafür wirksame Müllvermeidungs- und Müllmanagementpläne entwickeln müssen. Angesichts der gigantischen Müllmengen erscheint das heute fast aussichtslos. Vielversprechend ist daher der Ansatz der Umweltbildung und -erziehung. Die Popularität des International Coastal Cleanup lässt hoffen, dass sich weltweit die Einsicht durchsetzt, Müll vermeiden zu müssen. Was das Problem der Geisternetze betrifft, mahnt das UNEP stärkere Kontrollen an. Fischer sollen demnach überprüft werden und über den Verbleib ihrer Netze Buch führen müssen. Darüber hinaus arbeitet man an der Entwicklung von akustisch reflektierenden Netzen, die beispielsweise von Delfinen besser wahrgenommen werden können. Erfreulich ist auch das Konzept Fishing for Litter, das sich derzeit in Schottland und Skandinavien etabliert. Fischer und Hafenbehörden haben sich zusammengetan, um Müll, der beim Fischfang in den Netzen hängen bleibt, an Land zu entsorgen. Statt den Müll ins Meer zurückzuwerfen, wird er an Bord gesammelt und schließlich im Hafen abgeliefert. Inzwischen arbeitet man an Anlagen, mit denen Netzreste recycelt werden sollen. Damit wird deutlich, dass sich das globale Müllproblem vermutlich nur durch viele Einzelmaßnahmen lösen lässt. Ohne ein weltweites Engagement der Menschen wird das freilich nicht möglich sein. Textende
Seite: