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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Biologische Vielfalt

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Kelpwald Als Kelpwald bezeichnet man dichte Algenwälder, in denen die Kelpalgen dominieren. Dabei handelt es sich um teils mehrere Meter lange dünne Braun- und Rotalgen. Kelpwälder kommen vor allem an der Westküste Amerikas, an der Küste Argentiniens, vor der Westküste Afrikas sowie vor Australien und Neuseeland vor. Sie sind einzigartige Ökosysteme mit charakteristischen Artengemeinschaften.

Wie funktioniert biologische Vielfalt?

Verschiedene Arten haben unterschiedliche physikalische und biologische Ansprüche. Genau damit lassen sich die positiven Effekte biologischer Vielfalt erklären. So gibt es Algenarten, die optimal unter starker Lichteinstrahlung wachsen, während andere Schwachlicht bevorzugen. Das führt dazu, dass die eine Algenart dem Licht entgegenwächst und eine Algenkrone ähnlich wie eine Baumkrone bildet, während die andere optimal darunter im Schatten wächst. Dies hat zwei Konsequenzen: Erstens können beide Arten stabil zusammenleben, ohne sich gegenseitig zu verdrängen. Zweitens nutzen beide Arten zusammen das Licht optimal aus. Sie bilden gemeinsam mehr Nahrung für andere Arten als eine Art allein. Diese kom­plementäre Nutzung der vorhandenen Ressourcen, der so­genannte Komplementaritätseffekt, ist ein wichtiges positives Charakteristikum biologischer Vielfalt.

Andererseits wird eine Ökosystemleistung wie das Abweiden von Seegras häufig von einzelnen sehr effektiven Arten erbracht. Ein Beispiel: Wirbellose Algenfresser wie etwa Asseln und Schnecken unterscheiden sich in ihrer Nahrungspräferenz. Weidende Schnecken haben eine kräftige Raspelzunge und weiden damit vorzugsweise flache Mikroalgenrasen ab, während Asseln eher hoch wachsende fadenförmige Algen bevorzugen. Ist die Algenflora auf Seegrasblättern von flach wachsenden Mikro­algen dominiert, wird das Seegras hauptsächlich von den Schnecken beweidet. Enthält das Wasser viele Nährstoffe, dominieren eher fädige Algen, und Asseln halten das Seegras von Algen frei. Welche der beiden Arten diese Leis­tung übernimmt, hängt also von der jeweiligen Umweltbedingung ab. Wird eine Ökosystemleistung hauptsächlich durch eine Art und nicht von mehreren gleichzeitig erbracht, spricht man vom Selektionseffekt. Die jeweilige Umwelt selektiert sozusagen die momentan optimal funktionierende Art.

Wichtig ist nicht allein die Anzahl der Arten. Von Bedeutung ist auch, wie viele Individuen der verschiedenen Arten vorkommen beziehungsweise welche Art dominant ist. Der Selektionseffekt bewirkt, dass sich natürliche Gemeinschaften meist aus wenigen dominanten und vielen seltenen Arten zusammensetzen. Unter stabilen Umweltbedingungen werden Ökosystemleistungen, wie der Aufbau von Pflanzenbiomasse, deshalb häufig durch einzelne dominante Arten mit optimalen Merkmalen aufrechterhalten. Die vielen seltenen Arten spielen hierbei zunächst eine untergeordnete Rolle. Ändern sich aber die Umweltbedingungen, sind sie häufig am Zug. So kann eine zuvor noch unbedeutende Art plötzlich zur vorherrschenden werden.

Auch im Meer dominieren an einem Standort oft sehr wenige Arten. Es gibt sogar Extremfälle, in denen eine einzige Art überwiegt. Zu diesen Ökosystemen zählen unter anderem Seegraswiesen oder Kelpwälder. Hier wird die biologische Vielfalt nicht durch den Artenreichtum, sondern durch die genotypische Vielfalt der Seegraspflanzen derselben Art gewährleistet: Zwar gehören alle Pflanzen zur selben Spezies, in ihrem Erbgut aber gibt es versteckte Unterschiede.

Wie anderswo die Artenvielfalt hält in der Seegraswiese die genotypische Vielfalt die Ökosystemleis­tung aufrecht – also die unsichtbaren genetischen Unterschiede zwischen den Individuen derselben Art. So zeigten Seegraswiesen, in denen man experimentell mehrere verschiedene Genotypen zusammen anpflanzte, höhere Sprossdichten und eine höhere Gesamtbiomasse. Darüber hinaus erhöhte sich auch die Zahl der Weidegänger. Durch die vergrößerte genotypische Vielfalt verbesserte sich folglich insgesamt die Ökosystemleistung Nahrungsproduktion. Es stand mehr Seegras zur Verfügung und auch für räubernde Fische verbesserte sich das Nahrungsangebot, weil es viele Weidegänger gab. Mehr noch: Selbst die Widerstandskraft von Ökosystemen gegenüber bestimmten Störungen und Umweltveränderungen kann durch genotypische Vielfalt verbessert werden. So erholte sich ein Seegrasgebiet mit hoher genotypischer Vielfalt nach einer ungewöhnlichen Hitzewelle schneller als Gebiete mit niedriger Vielfalt.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels wird vermutlich die Vielfalt der seltenen Arten oder Genotypen erheblich an Bedeutung gewinnen. Diese sind eine potenzielle „biologische Versicherung“ für die Aufrechterhaltung von Ökosystemleistungen. Sie können noch unbekannte Merk­male oder genetische Informationen besitzen, die sie unter den neuen Umweltbedingungen anpassungsfähig und damit widerstandsfähiger und produktiver machen als die ursprünglich dominanten Arten oder Genotypen.

Wie gefährdet ist die biologische Vielfalt?

Durch rapide Veränderungen von Wassertemperatur, Salzgehalt und der Nährstoffkonzentration, aber auch durch Überfischung, Lebensraumzerstörung und eingeschleppte Arten wird die biologische Vielfalt im Meer weltweit mit wachsender Geschwindigkeit verloren gehen. Daran gibt es keinen Zweifel: In der Summe sind die Störungen so groß, dass weitere Arten verschwinden werden. Damit verringert sich auch die stabilisierende Wirkung der ehemals vielfältigen Lebensgemeinschaften, was zu gefährlichen Effekten führen kann – zu Lebensräumen, die ihre Ökosystemleistung nicht mehr erbringen können oder an Widerstandskraft verlieren. So verwandeln sich Korallenriffe mit hoher biologischer Vielfalt durch Überfischung und Nährstoffeintrag in artenarme Lebensräume, in denen wenige Algenarten dominieren. Es fehlt an Rifffischen, die die Korallen ursprünglich von aufwachsenden Algen frei gehalten haben, sodass sich nun keine neuen Korallenlarven ansiedeln können.

Die europäischen Blasentangwälder wiederum werden durch artenarme Lebensgemeinschaften verdrängt, die von Fadenalgen dominiert sind. Fadenalgen aber sind ein schlechter Lebensraum für Jungfische und andere Organismen. Zum einen produzieren sie weniger Sauerstoff, zum anderen speichern sie Nährstoffe zudem nur kurzfris­tig, da sie anders als Blasentangwälder vergleichsweise kurzlebig sind und gern von Schnecken und Krebsen gefressen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fadenalgen und die aufgrund der nun höheren Nährstoffkonzentrationen im Meerwasser massiv wuchernden Phytoplanktonblüten die frischen Tangkeimlinge beschatten. Im Ergebnis wird deren Wachstum nachhaltig behindern. Das Verschwinden einer Art, wie in diesem Fall des Blasentangs Fucus vesiculosus, der wichtige Ökosys­tem­strukturen schafft, kann also die Umweltbedingungen und damit auch den Lebensraum für andere Arten zu deren Nachteil verändern. In letzter Konsequenz führt das dazu, dass die biologische Vielfalt noch weiter schwindet und das Ökosystem seine Leistung künftig nicht mehr erbringen kann. Textende
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