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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Biologische Vielfalt

Die Rolle der biologischen Vielfalt im Meer

> Lange Zeit war unklar, inwieweit die biologische Vielfalt im Meer von Bedeutung ist. Inzwischen gilt als sicher, dass sie ein Ökosystem funktionstüchtig und leistungsfähig hält. Außerdem macht sie Lebensräume widerstandsfähiger gegen Umweltveränderungen. Doch das eingespielte Artgefüge gerät mehr und mehr durcheinander.

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Das schnelle Verschwinden der Arten

Seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat die biologische Vielfalt im Meer dramatisch abgenommen. Die Hauptursachen für den Verlust sind die Zerstörung von Lebensräumen durch Schleppnetzfischerei, die Verschmutzung und Überdüngung der Meere sowie der voranschreitende Klimawandel. Die biologische Vielfalt schrumpft dabei vermutlich schneller als jemals zuvor in der Erdgeschichte. Gleichzeitig kennt man nur einen Bruchteil der Arten in der Tiefsee oder den Polarmeeren, sodass der Artenverlust im Meer noch weniger als der an Land erfasst und bewertet werden kann.

Warum ist biologische Vielfalt im Meer wichtig?

Jedes Ökosystem erbringt bestimmte Leistungen, die für Lebewesen essenziell sind. Eine der bedeutendsten Leistungen von Meeresökosystemen ist der Aufbau pflanzlicher Biomasse aus Sonnenlicht und Nährstoffen (Primärproduktion), die Nahrungsgrundlage aller anderen Arten im Meer und letztlich auch des Menschen ist. Etwa die Hälfte der weltweiten Primärproduktion geht auf mikroskopisch kleine Pflanzen zurück, das Phytoplankton im Meer, das wächst und sich teilt. Eine weitere Ökosystemleistung ist die Bildung von Lebensräumen, sogenannten Strukturen, in Küstenökosystemen. So bilden Großalgen, Seegras oder Korallen großräumige unterseeische Wälder, Unterwasserwiesen oder Riffe, die Lebensraum für viele weitere Arten wie Schnecken, Krebse und Fische sind. Die Algenwälder und Seegraswiesen in der Ostsee sind lebenswichtige Habitate für Fischbrut und Jungfische, die hier heranwachsen, bevor sie als Erwachsene ins offene Meer schwimmen. Schnecken und kleine Krebse wiederum weiden von den Großalgen oder vom Seegras aufwachsende Mikroalgen ab. Damit stellen sie sicher, dass die strukturbildenden Pflanzen nicht überwuchert werden und ausreichend wachsen können – das ist ihre Ökosystemleistung. Die mikroalgenfressenden Schnecken und Krebse selbst sind Nahrungsgrundlage größerer räubernder Krebse und Fische.

Da Seegras und Großalgen langlebig und eine schlechte Futterquelle für weidende Krebse und Schnecken sind, werden sie recht alt. Sie speichern in ihrer Biomasse für lange Zeit Nährstoffe wie Stickstoff- und Phosphorverbindungen, die aus der Landwirtschaft durch die Flüsse ins Meer gespült werden. Seegras und Großalgen fungieren daher in Küstenökosystemen als eine Art biologische Kläranlage.

Wissenschaftler haben sich gefragt, ob der dramatische Verlust der biologischen Vielfalt Konsequenzen für das stabile Funktionieren von Ökosystemen hat. Diese Frage kann nach zehn Jahren intensiver Forschung mit einem klaren Ja beantwortet werden. Vor allem Experimente in Küstenökosystemen wie Seegraswiesen oder Großalgenwäldern haben gezeigt, dass die biologische Vielfalt im Meer unerlässlich ist, um die oben erwähnten Ökosys­temleistungen aufrechtzuerhalten. In diesen Experimenten wurde auf unterschiedliche Weise die Arten­vielfalt ver­ringert, um die Ökosystemleistungen von artenreichen und artenarmen Gebieten miteinander zu vergleichen. In einem Freilandexperiment wurde beispielsweise die An­­zahl der Großalgenarten künstlich reduziert, indem man einige zu Beginn der Wachstumsperiode entfernte. Tatsächlich verringerte sich in diesem artenarmen Lebensraum die Algenbiomasse insgesamt – und damit auch die Nahrung für die Konsumenten sowie die Zahl der verfügbaren Habitate. In einem anderen Experiment wurde die Artenanzahl der Weidegänger reduziert, welche die auf dem Seegras wachsenden Mikroalgen abweiden. Es stellte sich heraus, dass artenarme Weidegängergemeinschaften insgesamt weniger Mikroalgen abgrasen als artenreiche. Letztlich führte der Artenverlust zu verringertem Seegraswachstum, weil die aufwachsenden Mikro­algen die Photosynthese des Seegrases behindern. Die Experimente zeigen, dass sich die Verminderung der biologischen Vielfalt in beiden Fällen negativ auf die Strukturen des Lebensraums auswirkt – ganz gleich, ob man die Artenzahl der Produzenten, der Großalgen, oder die der Konsumenten wie beispielsweise der Weidegänger verringert. >
5.11 > In Kelpwäldern, wie diesem vor Kalifornien, leben Hunderte Fischarten, unter anderem der gelbliche Greenie, Sebastes flavidus.
5.11 > In Kelpwäldern, wie diesem vor Kalifornien, leben Hunderte Fischarten, unter anderem der gelbliche Greenie, Sebastes flavidus. © David Wrobel/SeaPics.com
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