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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Recht und Medizin

Rechtliche Fragen der marinen Medizinforschung

> Während das Interesse an den Wirkstoffen im Ozean wächst, versuchen Rechtswissenschaftler zu klären, wem die Substanzen eigentlich gehören. Eine Rolle spielt dabei, wo die Organismen vorkommen, aber auch, inwieweit der Mensch einen Naturstoff oder eine Gensequenz patentieren darf. Problematisch ist unter anderem, dass in verschiedenen Nationen unterschiedliche Patentregelungen gelten.

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Was die Wirkstoffe so interessant macht

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an den sogenannten genetischen Ressourcen des küstenfernen Tiefseebodens enorm gewachsen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Mikroorganismen, die in gewaltigen Mengen an heißen Quellen, den Schwarzen Rauchern (Kapitel 7), am Grund der Ozeane vorkommen. Sie bauen in völliger Finsternis organische Verbindungen, sogenannte Biomasse, aus Kohlendioxid und Wasser auf. Die für die Umwandlung des Kohlendioxids erforderliche Energie gewinnen die Mikroorganismen aus der Oxidation von Schwefelwasserstoff, der an den Schwarzen Rauchern aus dem Meeresboden austritt. Fachleute nennen diese Art der Biomassegewinnung Chemosynthese. Im Gegensatz dazu bauen Pflanzen Biomasse durch Photosynthese auf, die durch energiereiche Sonnenstrahlung angetrieben wird. Chemosynthetische Bakterien sind für die Forschung von Bedeutung, da sie über einzigartige genetische Strukturen und besondere biochemische Wirkstoffe verfügen. Bei der Entwicklung wirksamerer Impfstoffe und Antibiotika oder für die Krebsforschung könnten sie eine Schlüsselrolle spielen. Eine Bewirtschaftung der Organismen erscheint auch aus Sicht der Industrie erstrebenswert. Immerhin sind an den Schwarzen Rauchern Bakterien aktiv, die hohe Wasserdrücke und extreme Temperaturen ertragen. Inzwischen ist es gelungen, aus diesen robusten extremophilen Bakterien hitzestabile Enzyme zu isolieren, die man künftig in der Industrie einsetzen könnte. Viele Fertigungsprozesse in der Nahrungsmittel- oder Kosmetikaherstellung etwa laufen bei hohen Temperaturen ab. Hier wären hitzebeständige Enzyme eine echte Erleichterung. Auch die Fähigkeit, hochgiftigen Schwefelwasserstoff in weniger problematische Schwefelverbindungen umzuwandeln und somit zu entgiften, macht die chemosynthetischen Bakterien interessant.

Wem gehören die Wirkstoffe im Meer?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer die genetischen Ressourcen des Tiefseebodens nutzen und erforschen darf. Das Völkerrecht unterscheidet hier zunächst nur nach Staatszugehörigkeit. Beantragt ein Forschungs-institut, während einer Forschungsreise Proben von Tiefseeorganismen zu sammeln, werden die entsprechenden Aktivitäten – über die Staatsflagge des Forschungsschiffs – einer bestimmten Nation zugerechnet. Alternativ entscheidet die Staatszugehörigkeit des Konsortiums oder Biotechnologieunternehmens.

Von Bedeutung ist auch, wo die Mikrobenproben ge­­nommen werden sollen. Finden diese in der Ausschließlichen Wirtschaftszone eines Küstenstaats statt, ist nach dem UN-Seerechtsübereinkommen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) (Kapitel 10) die Zustimmung des Küstenstaats zwingend erforderlich. Sofern es sich um reine Grundlagenforschung handelt, sollte der Küstenstaat gemäß UNCLOS dritten Staaten erlauben, in seinen Hoheitsgewässern Proben zu nehmen. Für den Fall, dass die Forschungsergebnisse am Ende auch der kommerziellen Nutzung (Bioprospecting) dienen könnten, hat der Küstenstaat einen Entscheidungsspielraum. Im Zweifelsfall kann er die Aktivitäten in seinen Gewässern verbieten. Dies gilt erst recht für Maßnahmen, die auf eine unmittelbare wirtschaftliche Verwertung gerichtet sind – etwa für die Exploration von Vorkommen, also die Erforschung des Meeresbodens mit der Absicht, die Vorkommen auszubeuten.
9.14 > Manche Mikroben wie die einzelligen Archaeen (links) leben in der Nähe heißer Quellen. Mitunter enthalten sie spezielle Substanzen, die sich für die industrielle Produktion eignen. Bestimmte Meeresbakterien  lassen sich sogar für die Herstellung von  Polymeren nutzen, speziellen Kunststof-fen, die man künftig möglicherweise sogar in der Krebstherapie einsetzen könnte. © Derek Lovley/Kazem Kashefi/Science Photo Library/Agentur Focus 9.14 > Manche Mikroben wie die einzelligen Archaeen (links) leben in der Nähe heißer Quellen. Mitunter enthalten sie spezielle Substanzen, die sich für die industrielle Produktion eignen. Bestimmte Meeresbakterien lassen sich sogar für die Herstellung von Polymeren nutzen, speziellen Kunststoffen, die man künftig möglicherweise sogar in der Krebstherapie einsetzen könnte.
9.14 > Manche Mikroben wie die einzelligen Archaeen (links) leben in der Nähe heißer Quellen. Mitunter enthalten sie spezielle Substanzen, die sich für die industrielle Produktion eignen. Bestimmte Meeresbakterien  lassen sich sogar für die Herstellung von  Polymeren nutzen, speziellen Kunststof-fen, die man künftig möglicherweise sogar in der Krebstherapie einsetzen könnte. © Thierry Berrod, Mona Lisa Production/Science Photo Library/Agentur Focus

Für Meeresregionen jenseits der Hoheitsgebiete einzelner Staaten ist die Rechtslage bis heute nicht so eindeutig. Seit Langem streitet die Staatengemeinschaft darüber, wer die biologischen Rohstoffe auf der Hohen See ausbeuten darf, und vor allem, welche rechtliche Regelung hier überhaupt greift. Das betrifft unter anderem jene küstenfernen Gebiete, in denen die Schwarzen Raucher vorkommen, die mittelozeanischen Bergrücken etwa. Das Problem dabei ist: In keiner der internationalen Konventionen und Abkommen gibt es bislang klare Vorschriften für den Abbau genetischer Ressourcen am Meeresboden. Ein Teil der Staatengemeinschaft vertritt aus diesem Grund die Auffassung, dass die genetischen Ressourcen gerecht unter den Staaten verteilt werden sollten. Die andere Seite aber ist davon überzeugt, dass sich jeder Einzelstaat nach Gutdünken bedienen kann. Das ist ein fundamentaler Gegensatz.
Das bereits erwähnte UN-Seerechtsübereinkommen UNCLOS schreibt für den küstenfernen Tiefseeboden vor, dass „das Gebiet und seine Ressourcen gemeinsames Erbe der Menschheit sind“. Doch diese Regelung gilt nur für mineralische Rohstoffe wie Erze oder Manganknollen. Will ein Staat am Tiefseeboden Manganknollen (Kapitel 10) abbauen, muss er bei der UN-Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) eine Lizenz kaufen und den Entwicklungsländern von diesem Kuchen die Hälfte abgeben. Für genetische Ressourcen am Tiefseeboden gilt diese klare Regelung aber nicht. Die im Jahr 1992 in Rio de Janeiro angenommene Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity, CBD) wiederum fordert zwar eine „ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile“, also eine gerechte Verteilung der biologischen Schätze der Erde zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. Allerdings bezieht sie sich insoweit nur auf das Hoheitsgebiet einzelner Staaten und nicht auf die küstenfernen Regionen der Ozeane. >
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