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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Veränderung der Küsten

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Der Mensch prägt das Gesicht der Küsten

Die Sedimentation hat in den vergangenen 8000 Jahren seit der letzten Phase des nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstiegs erheblich zur Küstenentwicklung beigetragen. Durch Ablagerung von transportiertem Material wuchs die Küstenlandfläche, in bestimmten Regionen entstanden große Flussdeltas. Vor allem Flüsse sind wichtige Transportbänder, die Sedimente zur Küste tragen. Wie viel sie transportieren, hängt von mehreren Faktoren ab:
  • der Größe des Flusseinzugsgebiets von der Quelle bis zur Mündung;
  • dem Relief des Einzugsgebiets (Flüsse mit steilem Relief, die etwa durch Gebirge fließen, transportieren mehr Sediment als Flüsse, die durchs Flachland fließen);
  • der Gesteins- und Sedimentzusammensetzung (zum Beispiel der Korngröße) oder der Menge des aufgrund von Verwitterung und mechanischer Erosion verfügbaren Sediments;
  • dem Klima im Einzugsgebiet und dessen Auswirkung auf die Verwitterung;
  • der Menge des abfließenden Oberflächenwassers und der Speicherkapazität des Bodens (wie viel Wasser abfließt, hängt auch von den Niederschlagsmengen ab, die wiederum vom Klima beeinflusst werden).
Waldrodung, Überweidung und ungünstige Felderwirtschaft führen besonders in tropischen Regionen zu forcierter Bodenerosion. Werden die Sedimente nicht durch Staudämme zurückgehalten, lagern sie sich vor allem im Küstengebiet ab. Das kann Konsequenzen haben: Zum einen können die Sedimente das Wasser trüben, die Gewässergüte verändern und dadurch die Wasserorganismen erheblich beeinträchtigen. Die Trübung vermindert zudem die Lichteinstrahlung und setzt damit die Primärproduktion herab. Andererseits kann es aber auch zu Algenblüten kommen, weil mit den Sedimenten zugleich viele Nährstoffe in die Flüsse und ins Küstenmeer gespült werden. Sterben diese Algen ab, werden sie von Mikroorganismen zersetzt, die Sauerstoff verbrauchen. Dadurch entstehen lebensfeindliche, sauerstoffarme Zonen. Die Artenvielfalt schrumpft in diesen Gebieten.
In vielen Regionen herrscht hingegen ein Mangel an Sedimenten, weil Staudämme das Wasser zurückhalten. Weltweit sind mehr als 41 000 große Staudämme in Betrieb. Hinzu kommen viele kleinere Dämme und Wasser­reservoirs. Zusammen stauen sie 14 Prozent des weltweiten Gesamtabflusses der Flüsse und gewaltige Mengen Sediment. Damit geht der Küste Sedimentnachschub verloren. Die Erosion verstärkt sich. Fatal ist dieses Sedimentdefizit dort, wo der Boden unter den alten, schweren Sedimentpaketen absinkt. Hier fehlt dann frisches Sediment, das sich dort normalerweise ablagern und damit das Absinken kompensieren würde. Sinkt das Land ab, sickert sukzessive Salzwasser in den Flussmündungsbereich, sodass das Grundwasser versalzt. Ein Beispiel dafür ist der Nil. Vor dem Bau des Assuan-Staudamms spülten jährlich wiederkehrende Überschwemmungen fruchtbare Sedimente aus dem Landesinnern in das Nil-Delta am Mittelmeer. Die Sedimente waren nicht nur für die Bauern an den Ufern des Nils lebenswichtig, sondern auch essenziell, um das Absinken der schweren Deltaregion zu kompensieren. Mit dem Dammbau in den 1960er Jahren blieben die Überflutungen und Sedimenttran­­s­­porte aus: Nachhaltige Ernterückgänge und massive Küstenerosion sind die Folge. Ähnliche Probleme sind für den vor Kurzem fertiggestellten Drei-Schluchten-Staudamm in China im Jangtse-Delta zu erwarten.
3.8 > Als technische Meisterleistung feierte man den Assuan-Staudamm bei seiner Inbetriebnahme 1968. Von den Umweltproblemen wie etwa der Versalzung der Küste ahnte man damals noch nichts. 1971 wurde der Staudamm dann offiziell eröffnet. Die Bauarbeiten hatten rund elf Jahre gedauert.
3.8 > Als technische Meisterleistung feierte man den Assuan-Staudamm bei seiner Inbetriebnahme 1968. Von den Umweltproblemen wie etwa der Versalzung der Küste ahnte man damals noch nichts. 1971 wurde der Staudamm dann offiziell eröffnet. Die Bauarbeiten hatten rund elf Jahre gedauert. © Keystone France/laif
Neue Untersuchungen von der nordamerikanischen Atlantikküste, die mit der Auswertung von Satellitenbildern und topographischen Karten einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren umfassen, legen nahe, dass auch der Meeresspiegelanstieg die wichtige Sedimentation behindert und zu einer Veränderung der Küsten führen wird. So nimmt man an, dass ein Meeresspiegelanstieg um 1 Meter im Mittel einen Küstenrückgang von etwa 150 Metern nach sich ziehen wird. Die Forscher gehen dabei davon aus, dass sich die Sedimentbilanz (Erosion und Ablagerung) im Gleichgewicht befindet. Die genannten Beispiele machen jedoch deutlich, dass das kaum der Fall ist. Bei den Berechnungen müsste man daher zumindest den Sedimenttransport entlang der Küste und die Änderungen des Sedimentationsgleichgewichts berücksichtigen, die der Meeresspiegelanstieg bewirken wird. Dies ist im Detail bisher nicht der Fall. Der Küstenrückgang könnte daher noch drastischer ausfallen.
3.9 > Bei besonders hohen Wasserständen in der Lagune von Venedig werden immer wieder Teile der Stadt wie etwa der Markusplatz überspült. Acqua alta nennen die Italiener das Hochwasser. © www.bildagentur-online.com 3.9 > Bei besonders hohen Wasserständen in der Lagune von Venedig werden immer wieder Teile der Stadt wie etwa der Markusplatz überspült. Acqua alta nennen die Italiener das Hochwasser.

Die Auswirkungen des Wasserbaus

In vielen Flussmündungsgebieten wechseln sich Ein- und Ausstrom von Meerwasser im Rhythmus der Gezeiten ab und vermischen sich dabei mit dem kontinuierlich abfließenden Frischwasser des Flusses. Mitgeführte Sedimente von Land und von See können sich bei nachlassender Strömung ablagern. Der Sedimenthaushalt befindet sich in einem sensiblen Gleichgewicht. Der Bau von Dämmen, die Vertiefung von Fahrrinnen oder andere Baumaßnahmen können dieses Gleichgewicht erheblich stören. Die Auswirkungen sind oftmals schwerwiegend. Stark umstritten sind heute unter anderem die Fahrrinnenvertiefungen. 95 Prozent des globalen Handels werden über den Schiffsverkehr abgewickelt. Die großen Häfen der Welt liegen aus logistischen Gründen überwiegend an Flussmündungen. Da immer größere Schiffe mit entsprechendem Tiefgang zum Einsatz kommen, müssen die Fahrrinnen vertieft werden. Zusätzlich werden die Schiffswege durch Uferbauwerke stabilisiert und die Strömung durch Leitwerke optimiert. Wegen der Fahrrinnenvertiefungen können Sedimente mit darin gebundenen Schadstoffen freigesetzt werden. Zudem kann sich die Fließgeschwindigkeit erhöhen, was Sedimentumlagerun­gen verstärkt. Auch der Tidenhub kann durch das größere ein- und ausströmende Wasservolumen ansteigen. Das wirkt sich ebenfalls auf den Sedimenthaushalt aus, denn schneller strömendes Wasser hat mehr Energie, um Sedimente zu bewegen. Meeresspiegelanstieg und Hochwasserereignisse verstärken diese Effekte. Schon jetzt diskutiert man, wie sich all das auf die Standsicherheit der Flussdeiche auswirkt. Der intensive Schiffsverkehr verschärft die Situation noch, weil durch den Wellenschlag der Schiffe oftmals das Flussufer erodiert. Die Entnahme von Sediment oder Sand – beispielsweise für Strandaufspülungen auf der Insel Sylt – verändern die Gestalt des Meeresbodens. Langfristig kann sich das durchaus auf den Schutz der Küste auswirken. So ist es möglich, dass eine Seegrundvertiefung die Wellenbrecherzone Richtung Land verlagert. Darüber hinaus wird durch die Sandentnahme der Lebensraum der Meeresorganismen verändert. Das geschieht aber auch im umgekehrten Fall, wenn Sand aufgeschüttet, beispielweise als Baggergut im Meer verklappt wird. Diese Sedimente stammen zu 80 bis 90 Prozent aus Maßnahmen wie Fahrrinnenvertiefungen. Hunderte Millionen Kubikmeter Sediment werden jährlich weltweit verklappt. Die im Bereich der Verklappstellen lebenden Meeresbewohner werden überdeckt, sofern sie nicht fliehen können.
3.10 > Wäre die Küste nicht durch Deiche geschützt, ergäbe sich bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 Metern ein solches Bild. Die rot gefärbten Gebiete wären dann permanent überflutet. Nach den aktuellen Prognosen könnte der Meeresspiegel bereits bis Ende dieses Jahrhunderts um 180 Zentimeter steigen.
3.10 > Wäre die Küste nicht durch Deiche geschützt, ergäbe sich bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 Metern ein solches Bild. Die rot gefärbten Gebiete wären dann permanent überflutet. Nach den aktuellen Prognosen könnte der Meeresspiegel bereits bis Ende dieses Jahrhunderts um 180 Zentimeter steigen. © maribus (nach Brooks et al., 2006)

Wenn die Küstenstädte wachsen

Auch durch das ungeheure Wachstum der Küstenstädte schädigt der Mensch den Lebensraum. Oft müssen neue Landflächen im Meer dazugewonnen werden, um Raum für die ausufernde Bebauung zu schaffen. So sind weltweit schon mehrere Großprojekte wie der Bau des Flug­hafens Hongkong angeschoben worden. Für das Areal wurde eine Fläche von mehr als 9 Quadratkilometern aufgespült. Grö­­ße­re Dimensionen erreicht der Hafen von Tianjin in Chi­­na, der rund 30 Quadratkilometer Meeresfläche verschlingt. Diese Eingriffe haben zweifellos Auswirkungen auf die unmittelbar angrenzende Küstenzone. Beispielsweise lösten Aufschüttungen einer Fläche von 180 Hektar zum Bau des Flughafens in Nizza 1979 einen verheerenden Erdrutsch aus. Dieser hatte einen Tsunami zur Folge, der 23 Menschen das Leben kostete. >
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