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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Lebensraum Küste

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3.15 > Der Anstieg des Meeresspiegels wirkt sich auf die Küsten und ihre Bewohner unterschiedlich aus. Der Mensch kann sich durchaus mit Gegenmaßnahmen schützen. Die Kosten des Schutzes können aber beträchtlich sein und langfristig den Nutzwert übersteigen. Die Maßnahmen werden unterschieden in: [S] – Schutzmaßnahmen, [A] – Anpassungsmaßnahmen und [R] – Rückzugsmaßnahmen. © maribus (nach Schrottke, Stattegger und Vafeidis, Universität Kiel) 3.15 > Der Anstieg des Meeresspiegels wirkt sich auf die Küsten und ihre Bewohner unterschiedlich aus. Der Mensch kann sich durchaus mit Gegenmaßnahmen schützen. Die Kosten des Schutzes können aber beträchtlich sein und langfristig den Nutzwert übersteigen. Die Maßnahmen werden unterschieden in: [S] – Schutzmaßnahmen, [A] – Anpassungsmaßnahmen und [R] – Rückzugsmaßnahmen.

Die alte Losung gilt auch morgen: Wer nicht deichen will, muss weichen

Seit Menschen Küsten besiedeln, müssen sie sich mit dem Wandel ihres Lebensraums und der Bedrohung durch Stürme und Überflutungen arrangieren. Im Laufe der Zeit entwickelten die Küstenbewohner Schutzstrategien, mit denen sie sich gegen die Naturgewalten zur Wehr setzten. Heute unterscheidet man vier Strategien, die keineswegs immer langfristig erfolgreich sind:
  1. Anpassung von Gebäuden und Siedlungen (Warften, auf Erdhügeln erbaute Höfe, Pfahlbauten und andere Maßnahmen);
  2. Schutz/Verteidigung durch den Bau von Deichen, Sperrwerken oder Ufermauern;
  3. Rückzug durch Aufgabe oder Verlagerung gefährdeter Siedlungen (Migration);
  4. Abwarten in der Hoffnung, dass die Bedrohung nachlässt oder sich räumlich verlagert.
In Europa und auch Teilen von Ostasien (Japan, China) hat sich früh eine Risikokultur entwickelt: Auf die Phasen des Rückzugs und der Anpassung bis zum Mittelalter folgte in jüngerer Zeit die Strategie der Verteidigung, die dann auch in einigen später besiedelten Räumen wie Nord­amerika übernommen wurde. Es ist teuer und technisch aufwendig, niedrig gelegene Gebiete und Küstenstädte wirkungsvoll gegen Überflutung, Landverlust, Vernässung oder Grundwasserversalzung zu schützen. Das Beispiel der Niederlande aber zeigt, dass eine kleine und wohlhabende Industrienation durchaus in der Lage ist, angesichts eines hohen Gefährdungspotenzials die Strategie der Verteidigung langfristig zu verfolgen – immerhin liegen knapp zwei Drittel des Landes unter dem normalen Flutwasserstand. Auch Deutschland betreibt einen vergleichsweise hohen Aufwand, um die deutlich längere Küstenlinie instand zu halten und durch Deiche und andere Bauten zu schützen. Jährlich geben die Niederlande und Deutschland zusammen circa 250 Millionen Euro für den Küstenschutz aus. Das sind zwar nur 0,01 Prozent des deutschen und 0,05 Prozent des niederländischen Brutto-national­einkommens, jedoch ist zu bedenken, dass diese Summen allein für die Erhaltung beziehungsweise Verstärkung bereits bestehender Küstenschutzanlagen aufgewendet werden. Viele ärmere Küsten- und Inselnationen sind nicht in der Lage, Küstenschutz in ähnlich großem Stil zu betreiben. Ihnen bleiben bei steigendem Meeresspiegel nur die Alternativen Anpassung oder Rückzug. Doch auch Umsiedlungsprojekte, wie sie seit 2007 auf den Carteret-Inseln, die zu Papua-Neuguinea gehören, durchgeführt werden, sind teuer. Die Kosten der Migration von 1700 Personen sind noch nicht genau abzuschätzen, werden aber viele Millionen US-Dollar kosten.
3.16 > Staaten mit der weltweit höchsten Bevölkerungszahl und dem höchsten Bevölkerungsanteil in niedrig gelegenen Küstengebieten. Ausgenommen sind Länder mit weniger als 100 000 Einwohnern. Nicht berücksichtigt wurden ferner 15 kleine Inselstaaten mit einer Gesamtbevölkerung von 423 000 Einwohnern.
3.16 > Staaten mit der weltweit höchsten Bevölkerungszahl und dem höchsten Bevölkerungsanteil in niedrig gelegenen Küstengebieten. Ausgenommen sind Länder mit weniger als 100 000 Einwohnern. Nicht berücksichtigt wurden ferner 15 kleine Inselstaaten mit einer Gesamtbevölkerung von 423 000 Einwohnern. © maribus (nach Sterr)
Für die verschiedenen Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs gibt es unterschiedliche Bekämpfungs- und Handlungsstrategien. Ob eine Maßnahme regional oder lokal angewendet wird, hängt vor allem von den Kosten und den geologischen Gegebenheiten vor Ort ab. Im Ganges-Brahmaputra-Delta von Bangladesch etwa würden schwere Seedeiche im weichen Untergrund absacken. Außerdem fehlt es an Geld, um Hunderte Kilometer Deich zu errichten. Die Kosten für ein solches Deichbauprojekt dürften bei mehr als 20 Milliarden Euro liegen – gut hundert Mal mehr als die jährlichen Küstenschutzkosten der Niederlande und Deutschlands zusammen. Die nationale Wirtschaft Bangladeschs würde das nicht verkraften. In anderen Gebieten fehlt es schlicht an Baumaterial, um die Küste zu schützen. Auf Koralleninseln fehlt es vielfach an Sediment für Aufspülungen sowie an Platz und Baumaterial für Deiche und Mauern. Selbst wenn ausreichend Geld zur Verfügung stünde, würden diese Inseln dem Meeresspiegelanstieg weitgehend schutzlos ausgeliefert bleiben. Die Bedrohung durch den Meeresspiegelanstieg wird dort heute auch dadurch verschärft, dass Korallenkalk aus den Riffen entnommen und zum Bau von Hotelkomplexen verwendet wird.
Was der steigende Meeresspiegel für die Küsten- und Inselnationen und ihren Küstenschutz im 21. Jahrhundert bedeuten mag, ist erst in Ansätzen absehbar und hängt entscheidend von Umfang und Geschwindigkeit der Entwicklung ab: Wenn der Meeresspiegel bis 2100 um deutlich mehr als einen Meter ansteigt, dann werden die Deiche und Schutzbauwerke vielerorts nicht mehr hoch oder stabil genug sein. In vielen Regionen wird man neue Hochwasserschutzanlagen errichten und die Entwässerung im Binnenland aufwendig ausbauen müssen. Experten erwarten, dass die jährlichen Ausgaben für den Küstenschutz in Deutschland auf etwa eine Milliarde Euro klettern könnten – bei zu schützenden Sachwerten hinter den Deichen in Höhe von 800 bis 1000 Milliarden Euro. Weltweit dürfte der Aufwand tausendfach höher liegen. Während für einige Länder der Kostenaufwand für Verteidigungs- und Anpassungsmaßnahmen lohnend erscheint, weil sich hinter den Deichen große volkswirtschaftliche Werte angehäuft haben, werden vor allem die ärmeren Küstengebiete wohl verloren gehen oder unbewohnbar werden. Die Bewohner werden zu Umweltflüchtlingen.
Vermutlich können Industrieländer noch einige Zeit mit teurer und aufwendiger Küstenschutztechnologie das Meer zurückhalten. Aber die Verteidigungsstrategie wird selbst dort langfristig der Anpassung oder gar dem Rückzug weichen müssen. Extrem aufwendige Verteidigungsanlagen wie die Sperrwerke von London, Rotterdam und Venedig werden wohl Einzelprojekte bleiben. Für die meis­ten anderen Gebiete wird es sinnvoller sein, moderne Risikomanagement-Konzepte zu entwickeln, um die Risiken beherrschbarer zu machen. Textende
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