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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Ursachen der Überfischung

Die Ursachen der Überfischung

> Grundsätzlich hat man verstanden, wann und warum Fischbestände zusammenbrechen. Eine entscheidende Rolle spielt die weltweite Nachfrage nach Fisch und die Intensität, mit der den Fischen nachgestellt wird. Doch spielen auch ökologische Gründe eine wichtige Rolle. Noch aber muss man die Einflussfaktoren im Detail erforschen, um die Ursachen der Überfischung restlos aufzuklären.

Zusatzinfo Nachhaltiges Management – die Alaska-Seelachs-Fischerei

Das Schwinden der Fische – zu komplex für einfache Erklärungen

Ob ein Fischbestand auf lange Zeit erhalten bleibt oder aber an den Rand des Zusammenbruchs getrieben wird, hängt davon ab, wie viel man fängt. Diese Fangmenge wird vor allem durch die Höhe des betriebenen Fischereiaufwands bestimmt. Unter dem Begriff Fischereiaufwand fasst man die Flottenstruktur einer Fischerei, das Fanggerät und die Fangtechnik sowie den zeitlichen Umfang der Fangtätigkeit zusammen. Zum anderen beeinflusst die Nachfrage der Konsumenten, etwa nach be­­stimmten Fischsorten oder Verarbeitungsformen, die Fangmengen, denn die Nachfrage bestimmt letztlich, in wel­­chem Umfang sich der Fischereiaufwand für die Fischer lohnt. Außerdem werden die Fangmöglichkeiten durch eine Vielzahl ökologischer Einflussfaktoren determiniert. Das
Meeresökosystem
umfasst neben den verschiedenen Fischbeständen, die jeweils durch ihre Bestandsdichte und Altersstruktur charakterisiert sind, die belebte und die unbelebte Umwelt. Zur belebten Umwelt zählen Räuber wie Meeressäugetiere, Vögel und Raubfische, außerdem Beute wie etwa Plankton und andere Fischarten. Auch Tier- und Pflanzenarten, die mit den Fischbeständen auf andere Art in Wechselwirkung stehen, indem sie wie etwa Korallen die Lebensumwelt der Fische prägen, gehören zur belebten Umwelt. Wichtige Parameter der unbelebten Umwelt sind Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt sowie die Qualität des Wassers. Die Wechselwirkungen zwischen den Einflussfaktoren im gesamten Ökosystem sind aufgrund ihrer hohen Komplexität schwer zu bestimmen. Außerdem können sie sich im Laufe der Zeit ändern, etwa Zudem haben Konsumentennachfrage und Fischereiaufwand mittelbar Auswirkungen auf das Meeresökosystem. Je nach Umfang und Zusammensetzung der Fangmenge ändern sich Altersstruktur und Di­chte der Fischbestände, was wiederum Folgen für das Zusammenleben der verschiedenen Meerestier- und Pflanzenarten hat.

Ökologische und ökonomische Zielgrößen der Fischereipolitik

In den Absichtserklärungen des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung (World Summit on Sustainable Development, WSSD) in Johannesburg 2002 wurde festgelegt, welche Fischmenge jährlich maximal gefangen werden sollte, um die Fischbestände der Welt zu schützen. Diese Fangmenge wird als maximaler nachhaltiger Ertrag (MSY, maximum sustainable yield) bezeichnet. Der MSY gibt die größtmögliche jährliche Fangmenge für einen Fischbestand an, die über einen unbefristeten Zeitraum angelandet werden kann, ohne den Bestand zu gefährden. Wie viel Fisch dauerhaft gefangen werden kann, hängt von der Größe des Fischbestands ab. Bei vielen Fischbeständen liegt die MSY-Bestandsgröße bei etwa der Hälfte des natürlichen Gleichgewichtsbestands ohne Fischerei. Da sich Fischarten hinsichtlich ihres ökonomischen Wertes unterscheiden, ist die ökonomisch relevante Größe nicht die Fangmenge in Tonnen, sondern der Wert des Fangertrags. Daneben sind die Fangkosten die zweite wichtige ökonomische Größe der Fischerei. Ein höherer Fangaufwand führt aufgrund höherer Betriebskosten, wie Aufwendungen für Löhne, Treibstoff und Ausrüstung, zu höheren Kosten. Fischen lohnt sich vor allem dann, wenn die Differenz zwischen dem Fangertrag und den Kosten hinreichend groß ist. Analog zum MSY bezeichnet man den nachhaltigen Ertrag, bei dem diese Differenz am größten ist, als maximalen ökonomischen Ertrag (MEY, maximum economic yield).
6.10 > Schema einer Meeresfischerei. Die weißen Pfeile stehen für den tatsächlichen Weg vom Fisch aus dem Meer zum Konsumenten. Die dunkelgrünen Pfeile stellen die Wirkungen der Konsumentennachfrage und des Fischereiaufwands auf die Fangmenge und das Meeres-Ökosystem dar.
6.10 > Schema einer Meeresfischerei.  Die weißen Pfeile  stehen für den tatsächlichen Weg vom Fisch aus dem Meer zum Konsumenten. Die dunkelgrünen Pfeile stellen die Wirkungen der Konsumentennachfrage und des Fischereiaufwands auf die Fangmenge und das Meeres-Ökosystem dar. © maribus (nach Quaas)

Zusatzinfo Bis wann sich Fischen lohnt

Ökonomische Anreize zur Überfischung

Aus ökonomischer Sicht entsteht das Problem der Überfischung, weil es sich bei Meeres-Fischbeständen um eine sogenannte Gemeinschaftsressource handelt: Ein gefangener Fisch gehört dem Fischer, nicht so aber ein Fisch im Meer. Volkswirtschaftlich gesehen hat ein Fisch im Meer dadurch einen Wert, dass er sich reproduziert und auch selbst weiter an Gewicht zunimmt. Das bedeutet, dass der Fangertrag in der Zukunft steigt, wenn der Fisch im Meer bleibt. Einen Fisch zu fangen hat also einen Preis, da dieser Wert dann verloren geht. Bei überfischten Beständen, die eine Erholung besonders nötig haben, kann dieser Preis sogar größer sein als der Marktpreis eines gefangenen Fischs. Da es sich bei Fisch um eine Gemeinschaftsressource handelt, zahlt bei einer offenen, vollkommen unregulierten Fischerei jedoch niemand den wahren volkswirtschaftlichen Preis. Aus diesem Grund werden die volkswirtschaftlichen Kosten des Fischfangs unterschätzt, und es wird deutlich mehr gefangen als ökonomisch sinnvoll ist.

Hat ein Fischbestand die Größe, die den maximalen ökonomischen Ertrag erlaubt, dann gibt es für den einzelnen Fischer einen starken Anreiz, zusätzliche Schiffe einzusetzen oder zusätzliche Schichten zu fahren, um so seinen persönlichen Gewinn weiter zu erhöhen. In einer offenen Fischerei führt das dazu, dass der Aufwand so lange gesteigert wird, bis für praktisch keinen Fischer mehr Gewinne möglich sind. Zudem ermöglichen staatliche Beihilfen die Aufrechterhaltung der Fischerei, auch wenn die direkten Kosten des Fischereiaufwands bereits über dem Wert des Fangertrags liegen. So werden die individuellen Kosten der Fischer in vielen Fällen durch direkte oder indirekte Subventionen gesenkt. Jährlich werden weltweit über 10 Milliarden US-Dollar in Form von Treibstoffvergünstigungen oder Modernisierungsprogrammen gezahlt, etwa 80 Prozent davon in den Industriestaaten. Berechnungen der Weltbank zufolge müsste der weltweite Fischereiaufwand um 44 bis 54 Prozent gesenkt werden, um den gesamten wirtschaftlichen Nutzen zu maximieren, das heißt den maximalen ökonomischen Ertrag zu realisieren. Die aufgrund der Überfischung entgangenen zukünftigen Erträge schätzt die Weltbank derzeit auf etwa 50 Milliarden US-Dollar jährlich – eine erhebliche Summe im Verhältnis zum gesamten Wert der weltweit angelandeten Fische von rund 90 Milliarden US-Dollar.

Eine große zusätzliche Schwierigkeit für eine erfolgreiche, im Sinne des MEY regulierte Fischerei liegt darin, die Regulierung dauerhaft durchzusetzen und zu kontrollieren. Die Profitabilität der Fischerei kann nämlich dazu führen, dass Fischer versucht sind, durch illegale Anlandungen hohe Gewinne zu erzielen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Produkte, die in den Handel gelangen, illegal oder unter Umgehung internationaler Abkommen gefangen wurde. Durch die
illegale Fischerei (IUU-Fischerei, illegal, unreported and unregu­lated)
werden infolgedessen Bemühungen zur Erhaltung der Bestände behindert. IUU-Fischerei betreiben nicht nur einzelne Privatunternehmen, die bewusst gegen Rechte verstoßen. Hinzu kommen Fahrzeuge, die unter der Fahne von Nationalstaaten agieren, deren Auflagen nicht den internationalen Standards entsprechen oder die nicht in der Lage sind, Kontrollmechanismen zu etablieren. Die IUU-Fischerei schadet daher vor allem der handwerklichen Fischerei in den Küstengebieten der Entwicklungsländer. Weltweit schätzt man den wirtschaftlichen Schaden der IUU-Fischerei auf bis zu 10 Milliarden US-Dollar jährlich. Textende