Suche
english
1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Nachhaltige Fischerei

Wege in eine bessere Fischereiwirtschaft

> Um die Situation zu verbessern und eine sinnvolle Nutzung der Fischbestände zu erreichen, muss das bestehende Fischereimanagement dringend verändert werden. Für den Schutz der Fische sollte man künftig außerdem verstärkt die ökologischen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Fischarten und ihrem Lebensraum berücksichtigen, denn bisher wurden Fischbestände meist isoliert betrachtet.

Eine Besserung ist möglich

Angesichts der beschriebenen Schwachstellen ist eine Reform des bestehenden Fischereimanagements dringend notwendig. Sinnvoll wäre es zunächst, die klassischen Instrumente zur Regulierung der Fangmenge weitaus konsequenter anzuwenden und besser durchzusetzen. Dabei ist vor allem zu beachten, dass eine Quote nur dann eine Wirkung entfalten kann, wenn sie hinreichend knapp bemessen ist. Zusätzlich zu verbesserten Fangquotenregelungen können Instrumente wie die Einführung mariner Schutzgebiete und die Zertifizierung nachhaltiger Fischerei zu einem nachhaltigen Fischereimanagement beitragen.

Marine Schutzgebiete – Schonräume für bedrohte Spezies

Unter marinen Schutzgebieten versteht man geografisch abgegrenzte Bereiche des Meeres, in denen wirtschaftliche Aktivitäten – insbesondere die Fischerei – ganz oder teilweise verboten sind. Solche Gebietsschließungen dienen dem Schutz mariner Ökosysteme, insbesondere dem Schutz gefährdeter Arten oder einzigartiger Lebensräume wie etwa Korallenriffen. Seit 2004 schränkt zum Beispiel die North East Altlantic Fisheries Commission (NEAFC, Nordostatlantische Fischereikommission) den Einsatz von Grundschleppnetzen in einigen Teilgebieten ein, um Kaltwasserkorallen zu schützen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass marine Schutzgebiete zur Erholung von Fischbeständen beitragen können. Ein Vorteil der Schutzgebiete liegt darin, dass sie sich verhältnismäßig einfach einrichten und überwachen lassen. Durch satellitengestützte Ortungs- und elektronische Logbuchsysteme, sogenannte Vessel Detection Systems (VDS, Schiffsortungssysteme) und Vessel Moni­toring Systems (VMS, Schiffsüberwachungssysteme), lassen sich die Routen industrieller Fangschiffe verfolgen. Ein Problem besteht jedoch darin, die richtige Größe des Schutzgebiets zu definieren. Ist das Schutzgebiet zu klein, hat es nur einen geringen Effekt, da Fische aus dem Schutzgebiet hinauswandern und dort gefangen werden. Tatsächlich wurde am Rand bestehender Schutzgebiete eine höhere Fangaktivität beobachtet als anderswo. Ist das Schutzgebiet hingegen zu groß, kann sich der Bestand innerhalb des Schutzgebiets zwar erholen. Der Fischerei aber dient das nicht, da sie den höheren Bestand des Schutzgebiets nicht nutzen kann. Tendenziell sind Gebiete, die Jungfischen als Rückzugsgebiet dienen, als Schutzgebiete für das Fischereimanagement am ehesten geeignet. Auch stark überfischte Meeresregionen, wo ohnehin nur noch wenig Fisch gefangen werden kann, bieten sich als marine Schutzgebiete an. Die Rückzugsgebiete der Jungfische verschiedener Arten können aber in völlig unterschiedlichen Regionen des Meeres liegen. Ein einzelnes Schutzgebiet dient damit nicht immer dem Schutz mehrerer Fischarten zugleich.

Die schwierige Suche nach dem richtigen Schutzgebiet – der Ostseedorsch

Es ist ausgesprochen schwierig, die richtige Region für ein marines Schutzgebiet zu finden. Das verdeutlicht das Beispiel des Ostseedorschs. Durch starken Fischfang und ungünstige Umweltbedingungen wie etwa Sauerstoffarmut in der Tiefe nahm der Bestand des Ostseedorschs in den 1980er Jahren stark ab. Innerhalb weniger Jahre sackte er auf circa ein Siebtel des Ausgangswerts. Der Bestand liegt, trotz einer Erholung in den letzten Jahren, immer noch weit unterhalb eines Niveaus, das zum MSY, zum maximalen nachhaltigen Ertrag, führen würde.
6.16 > Zur Rettung des Dorsches wurden in den tiefen Becken der Ostsee Schutzgebiete eingerichtet (rot). Im Fall des Bornholmer Beckens (BB) aber zeigte sich, dass die Dorschbrut (Ausschnitt, orange-rot) die höchste Überlebensrate außerhalb des Schutzgebiets aufweist. Abb. 6.16: © maribus (nach Rudi Voss/Bastian Huwer, DTU-Aqua) 6.16 > Zur Rettung des Dorsches wurden in den tiefen Becken der Ostsee Schutzgebiete eingerichtet (rot). Im Fall des Bornholmer Beckens (BB) aber zeigte sich, dass die Dorschbrut (Ausschnitt, orange-rot) die höchste Überlebensrate außerhalb des Schutzgebiets aufweist.
6.16 > Zur Rettung des Dorsches wurden in den tiefen Becken der Ostsee Schutzgebiete eingerichtet (rot). Im Fall des Bornholmer Beckens (BB) aber zeigte sich, dass die Dorschbrut (Ausschnitt, orange-rot) die höchste Überlebensrate außerhalb des Schutzgebiets aufweist. © maribus (nach Rudi Voss/Bastian Huwer, DTU-Aqua)
Um den Fang von Laichpopulationen einzuschränken und den stark dezimierten Bestand zu stabilisieren, wurden in Teilbereichen der Ostsee Fangverbotszonen eingerichtet. Für den Fortbestand des Dorsches ist vor allem das Bornholmer Becken (BB) von Bedeutung, da die Überlebensrate der Eier und Larven in den östlicheren Laichgebieten, wie dem Gotlandbecken (GB) und dem Danziger Tief (GD), aufgrund des häufigen Sauerstoffmangels relativ niedrig ist. Die Fangverbotszone im Bornholmer Becken wurde erstmals 1995 in der Zeit von Mai bis August eingerichtet. Trotz einer schrittweisen Ausweitung des Schutzgebiets in den folgenden Jahren ließ sich keine deutliche Bestandsverbesserung beobachten. Der Grund: Zwar liegt das Schutzgebiet in einem Bereich mit hohem Laichaufkommen. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass es räumliche Unterschiede in der Sterblichkeit gibt. Die höchsten Überlebensraten von Larven und Jungfischen sind offenbar an den Rändern des Bornholmer Beckens zu finden, das heißt außerhalb des derzeitigen Schutzgebiets. Diese Untersuchung zeigt, dass die Lage des Schutzgebiets möglicherweise falsch gewählt wurde. Die für den Fortbestand wichtigen Regionen werden nur unzureichend geschützt, und es besteht sogar die Gefahr, dass das Schutzgebiet kontraproduktiv wirkt, da sich die Fischerei direkt in die bedeutenderen Laichgebiete verlagert. Trotz dieser Schwierigkeiten sind Schutzgebiete ein wichtiger Baustein für den Erhalt oder die Wiederaufstockung eines Bestands. Allerdings verdeutlicht das Beispiel auch, dass sich Schutzzonen nur dann sinnvoll einrichten lassen, wenn hinreichende ökologische und ökonomische Kenntnisse vorliegen.
6.18 > Der Marine Stewardship Council wurde 1997 von der Naturschutzorganisation WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever gegründet, um den schonenden Fischfang zu fördern. © www.msc.org, 6.18 > Der Marine Stewardship Council wurde 1997 von der Naturschutzorganisation WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever gegründet, um den schonenden Fischfang zu fördern.

Die Zertifizierung nachhaltiger Fischerei

Unberücksichtigt bleiben im klassischen Fischereimanagement im Allgemeinen auch die komplexen ökonomischen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Einflussgrößen – beispielsweise die Nachfrage der Verbraucher nach verschiedenen Arten von Fisch. Aus diesem Grund schlagen Nicht­regierungsorganisationen und einige privatwirtschaftlich geförderte Initiativen einen anderen Lösungsweg vor: Sie möchten durch Informationskampagnen und die Zertifizierung nachhaltiger Fischereiprodukte die Konsumentennachfrage so beeinflussen, dass überfischte Arten weniger nachgefragt und stattdessen Produkte aus nachhaltiger Fischerei gewählt werden. Die Idee dieses Ansatzes ist es, die Produzenten über die veränderte Kundennachfrage langfristig dazu zu bewegen, entsprechend nachhaltig zu wirtschaften. So ist die Zertifizierung an bestimmte Produktionskriterien gebunden, beispielsweise den Verzicht darauf, gefährdete Bestände zu befischen oder destruktive und besonders kritische Fangtechniken einzusetzen, beispielsweise die Fischerei mit Grundschleppnetzen, die die Lebensräume am Meeresboden zerstören. Zu den be­­­kanntesten Initiativen gehören der Marine Stewardship Council (MSC) sowie die Friend of the Sea-Initiative. Der MSC wurde 1997 von einer bekannten Umweltschutzorganisation und einem internationalen Lebensmittelkonzern gegründet und ist seit 1999 als eigenständige Einrichtung tätig. Die Friend of the Sea-Initiative wurde ebenfalls von einer Umweltschutzorganisation ins Leben gerufen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch Aquakulturprodukte zertifiziert. Die Kritiker dieser Zertifizierungsansätze bemängeln oftmals unzureichende ökologische Anforderungen für zertifizierte Fischereiprodukte. Strittig ist auch, inwieweit die Nachfrage nach zertifiziertem Fisch die Nachfrage nach konventionell gefangenem Fisch tatsächlich ersetzt oder dann doch eher eine zusätzliche Nachfrage nach Fischprodukten darstellt. Insgesamt können daher nachfrageorientierte Ansätze ein gutes Fischereimanagement sinnvoll ergänzen – sind aber für sich genommen allein unzureichend. Textende