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Rifffischerei am Limit – der Spermonde-Archipel

Wie die Fischerei nach und nach zur Zerstörung küstennaher Ökosys­teme beiträgt, lässt sich exemplarisch am Spermonde-Archipel zeigen, der unmittelbar vor der großen indonesischen Insel Sulawesi liegt. Er besteht aus etwa 70 Koralleninseln und war schon den europäischen Seefahrern während der Kolonialzeit als besonders artenreiches und produktives Meeresgebiet bekannt. Hier leben unter anderem Krebse, große Zackenbarsche, zahlreiche kleinere Rifffischarten, Tintenfische und viele Arten von Korallen. Chinesische Händler kauften in der Region bereits im 17. Jahrhundert Seegurken auf. Diese wurstförmigen Tiere sind mit den Seesternen verwandt. Bis heute sind sie in China und Hongkong als medizinisches Präparat gefragt. Die Korallenriffe des Archipels schienen lange Zeit als unerschöpflich. Der Fischreichtum galt für die Bewohner als Geschenk Gottes, dessen Nachschub nie versiegen würde. Seit den 1960er-Jahren aber gelten einige Bestände hier als überfischt. Um die Ursachen zu erforschen, wurden mehrere wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, bei denen auch die Inselbewohner selbst interviewt wurden. Da die Inseln kaum fruchtbare Böden besitzen und Landwirtschaft somit nicht in größerem Stil möglich ist, zeigte sich, dass 80 Prozent der Haushalte ihr Auskommen direkt oder indirekt mit dem Fang von Fischen und anderen Meeres­organismen erzielen beziehungsweise erzielen müssen. In Abhängigkeit von der Nachfrage, der zur Verfügung stehenden Ausrüstung und der Ergiebigkeit der jeweiligen Bestände standen daher immer wieder verschiedene Meeresorganismen unter besonderem Druck. Lohnte sich der Fang der einen Art nicht mehr, etwa weil sie niemand kaufen wollte, oder die Bestände vor Ort schrumpften, so gingen die Fischer einfach dazu über, eine andere Art zu befischen.

Abb. 2.39: Der Spermonde-Archipel liegt inmitten des Inselstaats Indonesien, unmittelbar vor der Südwestspitze von Sulawesi. Der Archipel besteht aus etwa 70 Koralleninseln. © maribus

Abb. 2.39 > Der Spermonde-Archipel liegt inmitten des Inselstaats Indonesien, unmittelbar vor der Südwestspitze von Sulawesi. Der Archipel besteht aus etwa 70 Koralleninseln.

Wurden in der Vergangenheit eher klassische Fischereiwerkzeuge wie Langleinen oder Reusen verwendet, so gingen die Fischer seit den 1980er-Jahren zusätzlich mit spezieller Ausrüstung auf Jagd – zum Beispiel mit Tauchgeräten nach den in China so beliebten Seegurken. Die Atemluft wird von einem Kompressor an Bord eines Bootes über lange Gummischläuche zu den Tauchern gepumpt. Dank der Versorgung mit Frischluft können die Taucher länger unter Wasser bleiben und weit mehr Exemplare als früher sammeln. Das führte beispielsweise dazu, dass Seegurken der Art Holothuria nobilis aus vielen Riffen im Archipel komplett verschwunden sind. Einige Fischereimethoden, die heute eingesetzt werden, sind aber nicht nur nicht nachhaltig, sondern illegal. Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg wird im Spermonde-Archipel Dynamitfischerei betrieben, um Speisefisch für den Verzehr vor Ort zu fangen. Durch die Explosionen verenden allerdings auch zahlreiche andere Tiere, die nicht gegessen werden. Man schätzt, dass je nach Insel 10 bis 40 Prozent des lokal ­konsumierten Speisefischs aus der Dynamitfischerei stammt. Seit den 1960er-Jahren wird zudem die Zyanidfischerei praktiziert. Bei dieser Methode wird giftiges Natriumcyanid ins Wasser gegeben, um die Fische zu betäuben. Sie können dann einfach eingesammelt und als Lebendfisch exportiert werden: kleinere für den Aquaristikmarkt und große für die Gastronomie. Für diese Lebendfische erhalten die Fischer viel mehr Geld als für Speisefische, die auf lokalen Märkten verkauft werden.

Abb. 2.40: Weil sie in Asien vielerorts  als Delikatesse gilt und hochpreisig gehandelt wird, wurde die Seegurkenart Holothuria scabra im Spermonde-Archipel besonders stark befischt. Sie ist dort kaum noch zu finden. © Loh Kok Sheng

Abb. 2.40 > Weil sie in Asien vielerorts als Delikatesse gilt und hochpreisig gehandelt wird, wurde die Seegurkenart Holothuria scabra im Spermonde-Archipel besonders stark befischt. Sie ist dort kaum noch zu finden.

Zu den Fischen, die hier mit Zyanid gefangen werden, zählen die Zackenbarsche. Nach dem Fang werden sie mehrere Tage in Becken gehalten, damit sie das Gift vor dem Verkauf wieder ausscheiden. Dennoch sterben viele Tiere, bevor sie überhaupt in den Empfängerländern ankommen – sei es wegen der schlechten Transportbedingungen, sei es durch die Nachwirkungen des Giftes. Ein Hauptproblem der Zyanidfischerei besteht auch darin, dass das im Wasser treibende Zyanid überdies viele andere Lebewesen vergiftet. Es tötet sowohl die winzigen Algen, die mit den Korallen in Symbiose leben, als auch viele Jungfische, die in den Riffen aufwachsen. Wann oder ob sich ein einmal vergiftetes Riff erholt, ist fraglich. Um die Gründe für eine nicht nachhaltige Fischerei besser zu verstehen, muss man den Blick auch auf grundlegende Zusammenhänge im sozialen System richten. Soziologisch betrachtet gibt es im Spermonde-Archipel ein System aus Paten und Klienten (Fischer) – eine Art Zweiklassengesellschaft. Die Paten sind das Bindeglied zwischen den lokalen ­Klienten und den externen Händlern und Aufkäufern. Sie haben die nötigen Informationen über die Produkte, die auf den Märkten gerade nachgefragt sind. Zudem liefern die Paten die für die verschiedenen Fischereien benötigte Ausstattung und vergeben Kredite an Fischer und deren Familien. Sie verfügen über gute Kontakte zu zivilen und militärischen Stellen, die eigentlich den Schutz der Korallenriffe überwachen sollen, und wenden auch beträchtliche Schmiergeldzahlungen an, damit Aufsichtsbeamte illegale und von der zuständigen Behörde verbotene Fänge nicht sanktionieren. Um die einmal aufgenommenen Kredite abzubezahlen, verkaufen die Fischer ihren Fang meist direkt an die Paten. Sie erhalten dafür einen Betrag, der zwar deutlich unter dem Verkaufspreis der Paten liegt, doch haben sie ein relativ sicheres Auskommen und ihre Familien können auf diese Weise auch in wirtschaftlich angespannten Perioden auf ein relativ stabiles soziales Sicherheitsnetz zurückgreifen. So vorteilhaft das Paten-Klienten-System den Beteiligten erscheint, birgt es doch langfristige Gefahren für die Korallenökosysteme und damit für die einzige Einkommensquelle der wachsenden Bevölkerung. Da auf den Märkten die Fischereierzeugnisse aller diesem System an­geschlossenen Fischer verkauft werden, gibt es immer genug Fisch, um den Bedarf zu decken. Verringern sich die Erträge in dem Fanggebiet eines Fischers, tritt dieser Verlust am Markt kaum zutage. Wenn einige Riffgebiete überfischt sind, kompensieren die Fänge in anderen Gebieten den Ausfall. Die Information über die Überfischung in dem betreffenden Gebiet erreicht daher selten die Paten. Ökologische Warnsignale werden so leicht übersehen, ein Bewusstsein über die Notwendigkeit einer nachhaltigen Fischerei kann sich daher erst gar nicht entwickeln. Sollten in Zukunft auch noch die Folgen der Klimaerwärmung hinzukommen, wird den Riffen noch weniger Zeit bleiben, sich von den lokalen Übernutzungen zu erholen.

Abb. 2.41: Bei der Zyanidfischerei wird Gift ins Wasser gegeben, das die ­Fische bewegungsunfähig macht. Einmal eingesammelt, kann der Fisch später ­lebend verkauft werden. © H. Hall/SeaTops.com

Abb. 2.41 > Bei der Zyanidfischerei wird Gift ins Wasser gegeben, das die ­Fische bewegungsunfähig macht. Einmal eingesammelt, kann der Fisch später ­lebend verkauft werden.